RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
RUDOLF STEINER
Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt
Ein Zyklus von sechs Vortragen gehalten zu Ostern in Wien vom 9. bis 14. April 1914 Mit zwei vorangehenden offentlichen Vortragen
Wien, 6. und 8. April 1914 und einer Ansprache in Wien am 14. April 1914
1997
RUDOLF STEINER VERLAG DORNACH/SCHWEIZ
Nach vom Vorttagenden nicht durchgesehenen Nachschriften herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hans W. Zbinden
1. Auflage (Zyklus 32) Berlin 1914
2. Auflage (Zyklus 32, Zweitdruck) Berlin 1928
3. Auflage Dornach 1935
4. Auflage, erweitert um zwei Vortrage und eine Ansprache, Gesamtausgabe Dornach 1959
5., neu durchgesehene Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978
6. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1997
Bibliographic -Nr. 153
Einbandzeichnung von Assja Turgenieff nach einem Motiv von Rudolf Steiner Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz © 1997 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach/Schweiz Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1530-4
Zu den Veroffentlichungen aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861—1925) gliedert sich in die drei gr oBen Abteilungen: Schriften - Vortrage — Kiinstlerisches Wet k (siehe die Ubersicht am SchluB des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fur die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesellschaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, daB sie schriftlich festgehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» ge- dacht waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veran- laBt, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendi- ge Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, muB gegen- iiber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt benicksichtigt wer- den: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, daB in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen Schriften auBert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wordaut ist am SchluB dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaBen auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen begrenz- ten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten Teilnehmer- kreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaB ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe be- gonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Gesamt- ausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den Text- unterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Offentlicher Vortrag, Wien, 6. April 1914
Aufgabe und Ziel der Geisteswissenschaft und das geistige Suchen in der Gegenwart.
Die neue Erkenntnisart der Geisteswissenschaft, vergleichbar der sei- nerzeit neuen des Kopernikanismus. Die Methodik der Geisteswissen- schaft, durch Steigerung von gewdhnlichen Seelenkraften zu innerer Erkraftung zu kommen: von Aufmerksamkeit zur Imagination, von Sprachkraft zur Inspiration, von Aufrichtekraft zur Intuition. Die Moglichkeit aller Menschen zum Begreifen geistiger Tatsachen durch vorurteilsfreies Aufnehmen. Spiritismus als materialistischer Aberglau- be. Die Notwendigkeit, zur Aktivitat der Seele zuruckzufinden, urn die Konsequenz des Materialismus zu iiberwinden, daB der Mensch, als bloC hoher entwickeltes Tier, zwischen Gut und Bose nicht unterschei' den konne.
Offentlicher Vortrag, Wien, 8. April 1914
Was hat die Geisteswissenschaft iiber Leben, Tod und Un-
sterblichkeit der Menschenseele zu sagen?
Innere Vorbereitung des Geistesforschers; sein «Ankommen an der Pforte des Todes». Das Auftauchen geistiger Tatsachen und Vorgange jenseits des Gedachtnisses in der Imagination. Die Bildung eines See- lenkeimes, der sich erst im nachsten Leben entwickelt, im hinter dem Gedachtnis liegenden «Ubergedachtnis». Unsterblichkeit der Seele. Das Auftauchen des Lebenstableaus nach dem Tode. Das darauffolgende Sich-Herausarbeiten aus dem, was als Unerfiilltes, Unerledigtes aus dem letzten Leben zuriickgeblieben ist. Das Ubergehen zur seelischen Schopferkraft, die der Seele die geistigen Wesen und Vorgange be- leuchtet. Die Seligkeit. Wechsel geistiger Geselligkeit und Einsamkeit. Die Mitternacht des geistigen Daseins. Der Blick auf die vergangenen Erdenleben und die aktive Sehnsucht, dafiir Ausgleich in einem neuen Leben zu schaffen. Die Bildung des geistigen Urbildes des neuen Er- denlebens und die Hinwendung zum neuen Elternpaar. Das. Durchor- ganisieren des neuen Leibes aus dem Geistigen in der Kindheit. Ver- brecher als geistige Fnihgeburten. — Starkung der Intelligenzkrafte durch friihes Sterben aufgrund eines Ungliickes, der Willenskrafte auf- grund des Sterbens durch Krankheit. Zeitangaben fur die Erlebnisse zwischen Tod und neuer Geburt.
INNERES WESEN DES MENSCHEN UND LEBEN ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT
Erster Vortrag, Wien, 9. April 1914 73
Die vier inneren Spharen des menschlichen Seelenlebens: Wahrneh- men, Denken, Fiihlen und Wollen. Die geistigen Erfahrangen durch ihr Erkraften im Raume auBerhalb des Leibes.
Zweiter Vortrag, 10. April 1914 91
Das Heraustreten aus dem Leibe durch das Erstarken der Erinnerungs- kraft; Erleben des rein Zeitlichen vor der Inkarnation. Religiositat, Versuchung, Erziehung im vorgeburtlichen Zeitstrom.
Dritter Vortrag, 11. April 1914 106
Bildung von Phantomen bei den Sinnesempfindungen. Die Schatten- bilder des Denkens; der Gedachtnisschatz. Das Ungeborene in Gefuhl und Wille. Lebendiges Wahrnehmen und inneres Schauen in vorchrist- licher Zeit. Das Wirken des Christus.
Vierter Vortrag, 12. April 1914 124
Der Unterschied des Erlebens in der geistigen Welt und auf dem phy-
sischen Plan. Die Umwandlung der Weisheit in Lebenskrafte; die schopferische Kraft des fuhlenden Wollens; das Gefragtwerden von den Dingen. Vorbereitung im Irdischen auf die Impulsierung des Le- bens im Geistigen.
Funfter Vortrag, 13. April 1914 144
Vorgange zwischen Tod und Weltenmitternacht. Der imaginative Blick auf die verlassenen Hullen. Entfaltung des Bewufitseins in der geistigen Welt: Herauslosen der im Irdischen gebundenen Seelenkrafte Erinne- rung, Fiihlen und Wollen, schopferisches Seelenlicht. Geselligkeit und Vereinsamung im Geistigen. Die Weltenmitternacht. Das Sich-neu- Ergreifen im Weltensein.
Sechster Vortrag, 14. April 1914 163
Das Erleben der Seele von der Weltenmitternacht an: die uberzeitliche Wirkung der Vergangenheit als geistige AuBenwelt. Verwandlung von vergangenen Ereignissen und Taten in Fabigkeiten. Karzinom-Bildung im sozialen Leben. Gesichtspunkte bei der Schaffung eines geistig- atherischen Urbildes fiir das nachste Erdenleben. Der geistige Krafte- iiberschuC durch das Wirken des Christus-Impulses.
Ansprache, 14. April 1914 . .
Uber den Johannesbau in Dornach
181
Progr amm der Wiener Vortrags-Veranstaltungen 1 84
Hinweise
Tax dieser Ausgabe 186
Hinweise zum Text 187
Namenregister 191
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 193
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe . . . . 195
OFFENTLICHER VORTRAG Wien, 6. April 1914
A.ujgabe und Ziel der Geisteswissenschaft und das geistige Suchen in der Gegenwart
Wer derjenigen Form geisteswissenschaftlicher Weltanschauung, von der ich mir gestatten werde heute und ubermorgen zu sprechen, einen gewissen Wert beimessen will, wird sich schon einmal bekannt machen miissen mit dem eigentumlichen, in der Menschheitsentwickelung ge- legenen Widerspruch, daB eine geistige Stromung, ein geistiger Impuls von einem gewissen hoheren Gesichtspunkt aus im eminentesten Sinn zeitgemaB sein kann und daB dieses also ZeitgemaBe dennoch zunachst von der Zeitgenossenschaft scharf zuriickgewiesen wird, zuriickgewie- sen in einer, man mochte sagen, durchaus begreif lichen Weise.
ZeitgemaB war der Impuls zu einer neuen Anschauung vom Welten- all des Raumes, den Kopernikus in der Morgenrote der neuen Zeit ge- geben hat, zeitgemaB zweifellos von dem Gesichtspunkt aus, daB die Entwickelung der Menschheit gerade zu der Zeit des Kopernikus not- wendig machte, daB dieser Impuls kam. UnzeitgemaB erwies sich die- ser Impuls durchaus noch fur lange Zeiten, insofern als gegen ihn Front gemacht wurde von all denen, die an den alten Denkgewohn- heiten, an jahrhundert- und jahrtausendalten Vorurteilen festhalten wollten. ZeitgemaB in einem solchen Sinne erscheint den Bekennern der hier gemeinten Geisteswissenschaft diese geisteswissenschaftliche Weltanschauung, und unzeitgemaB ist sie von dem Gesichtspunkt aus, von dem sie noch von vielen unserer Zeitgenossen beurteilt werden muB. Dennoch glaube ich, im Laufe des heutigen und ubermorgigen Vortrages zeigen zu konnen, daB in unterbewuBten Seelentiefen der gegenwartigen Menschheit etwas wie eine Sehnsucht nach dieser gei- steswissenschaftlichen Weltanschauung besteht und etwas wie eine HofFnung nach ihr lebt.
So wie sie sich zunachst darstellt, diese Geisteswissenschaft, will sie sein eine echte Fortsetzerin der naturwissenschaftlichen Geistesarbeit, wie sie in den letzten Jahrhunderten geleistet worden ist. Und ganz
unrichtig ware es, wenn man glauben wollte, dafi diese Geisteswissen- schaft irgendwie von sich selbst aus eine Gegnerschaft entfaltete gegen die groBen Triumphe, gegen die unermeBlichen Errungenschaften und die weitblickenden Wahrheiten, welche das natarwissenschaftliche Denken der letzten Jahrhunderte gebracht hat. Im Gegenteil, das- jenige, was Naturwissenschaft war und ist fur die Erkenntnis der auBeren Welt, das will diese Geisteswissenschaft sein fur die Erkennt- nis der geistigen Welt. So konnte sie geradezu ein Kind der natur- wissenschaftlichen Denkweise genannt werden, obwohl dies noch in weitesten Kreisen heute bezweifelt werden wird.
Um eine Vorstellung, nicht einen Beweis, sondern zunachst eine Vorstellung, die Verstandigung hervorrufen soil, anzufiihren, sei iiber das Verhaltnis der hier gemeinten Geisteswissenschaft zur naturwissen- schaftlichen Weltanschauung das Folgende gesagt : Blicken wir auf die groBe, gewaltige Entwickelung naturwissenschaftlicher Erkenntnis in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, so sagen wir uns, daB sie auf der einen Seite unermeBliche Wahrheiten iiber den weiten Horizont menschlicher Erkenntnis gebracht hat, daB auf der anderen Seite dieses Denken eingeflossen ist in das praktische Leben. Uberall sehen wir uns entgegenleuchten auf dem Gebiete des Technischen, Kommer- ziellen, das, was uns die in die Lebenspraxis hineingeflossenen Gesetze und Erkenntnisse der Naturwissenschaft gebracht haben. Will man sich nun eine Vorstellung davon machen, wie zu diesen Fortschritten die hier gemeinte Geisteswissenschaft steht, so kann man zunachst einen Vergleich geben. Man kann hinblicken auf den Bauern, der sein Feld bestellt, der einerntet die Friichte des Feldes. Der groBte Teil dieser Friichte des Feldes wird hereingenommen in das menschliche Leben, zur Nahrung der Menschen verwendet; ein kleiner Teil nur bleibt iibrig. Er wird verwendet zur neuen Fruchtaussaat. Nur von diesem letzteren Teile kann man sagen, daB er folgen darf den Trieb- kraften, den inneren Lebe- und Bildekraften, die im aufsprossenden Korn, in der aufsprossenden Frucht selber liegen. Das, was in die Scheunen gefiihrt wird, wird zumeist abgebracht von seinem in den eigenen Bildungsgesetzen liegenden Fortschritt, wird gleichsam in eine Seitenstromung gefiihrt, zur menschlichen Nahrung verwendet,
setzt nicht fort in unmittelbarer Weise das, was in den Keimen liegt, was die eigenen Triebkrafte sind.
So erscheint der Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, ungefahr das, was die Naturwissenschaft an Erkenntnissen gebracht hat in den letzten Jahrhunderten. Der weitaus groBte Teil ist mit Recht dazu ver- wendet worden, Einsicht zu gewinnen in die auBeren, sinnlich-raum- lichen Tatsachen, ist dazu verwendet worden, in den menschlichen Nutzen einzugehen. Aber zuriickbleiben kann gerade von den Ideen, welche die Betrachtung der Natur in den letzten Jahrhunderten ge- liefert hat, in der menschlichen Seele etwas, das nun nicht verwendet wird, um das oder jenes zu begreifen in der sinnlichen AuBenwelt, was nicht verwendet wird, Maschinen zu bauen oder Industrien zu pfle- gen sondern das lebendig gemacht wird, so daB es erhalten wird in seiner eigenen Richtung wie das Korn, das wieder zur Aussaat ver- wendet wird und seinen Bildungsgesetzen folgen darf. Gerade wenn sich der Mensch also durchdringt mit dem, was uns an herrlichen Er- kenntnisfriichten Naturwissenschaft gezeitigt hat, wenn er dieses leben laBt in seiner Seele, wenn er ein Gefuhl hat dafur zu fragen: Wie laBt sich das seelische Leben durchleuchten und erkennen an den BegrifTen und an den Ideen, welche die Naturwissenschaft geliefert hat, wie laBt sich mit diesen Ideen leben, wie laBt sich von ihnen aus begreifen, wo die Haupttriebkrafte des menschlichen Seelenlebens liegen? - wenn die menschliche Seele ein Gefuhl dafiir hat, mit dem errungenen Geistesschatz diese Fragen aufzuwerfen - aufzuwerfen nicht in der Theorie, sondern mit der ganzen Fulle des seelischen Lebens -, dann erscheint das, was erst in unserer Zeit, da eine Weile die Naturwissen- schaft sozusagen auf ihrem eigenen Boden gepflegt worden ist, in die menschliche Kultur iibergehen kann.
Und auch in anderer Beziehung ist diese Geisteswissenschaft viel- fach ein Kind der naturwissenschaftlichen Denkweise zu nennen, nur muB der Geist in einer anderen Weise erforscht werden als die Natur. Gerade wenn man auf ebenso sicherer, methodischer, wissenschaft- licher Basis dem Geiste gegeniiberstehen will, wie die Naturwissen- schaft der Natur gegeniiber, so muB man das naturwissenschaftliche Denken umformen und es so pragen, daB es ein taugliches Werkzeug
fur die Erkenntnis des Geistes wird. Wie das werden kann, davon soli in diesen Vortragen einiges mitgeteilt werden. Gerade wenn man so recht fest steht auf dem Boden der Naturwissenschaft, dann sieht man ein, daB mit den Mitteln, mit denen sie arbeitet, eine geistige Erkennt- nis sich nicht gewinnen laBt. Immer wieder und wiederum ist von er- leuchteten Geistern davon gesprochen worden, daB, von dem sicheren Boden der Naturwissenschaft ausgehend, der Mensch einsehen muB, daB seine Erkenntniskraft begrenzt sei. Naturwissenschaft und Kantia- nismus - um nur diese zu nennen - haben dazu beigetragen, den Glau- ben heraufzubringen, daB die Erkenntniskrafte des menschlichen Gei- stes begrenzt seien, daB der Mensch nicht eindringen konne durch sein Wissen in die Gebiete, wo der Quell Uegt, mit dem sich die Seele verbunden fiahlen muB ; wo der Mensch einsieht, daB nicht nur herein- wirken die Krafte, die mit Naturwissenschaft iiberschaut werden kon- nen, sondern andere Krafte. Da gibt Geisteswissenschaft der Natur- wissenschaft vollig recht. Gerade fur die Erkenntnisfahigkeiten, die die Naturwissenschaft groB gemacht haben, auf denen die Natur- wissenschaft auch stehenbleiben muB als solche, fur sie gibt es keine Moglichkeit, einzudringen in das geistige Gebiet.
Aber in der menschlichen Seele schlummern andere Erkenntnis- fahigkeiten, Erkenntnisfahigkeiten, die im Alltag und im Getriebe der gewohnlichen Wissenschaft nicht verwendet werden konnen, die aber hervorgeholt werden konnen aus dieser menschlichen Seele und die, wenn sie hervorgeholt werden, wenn sie gleichsam aus den unter- grundlichen Tiefen der Menschenseele herausgeholt werden, dann aus dem Menschen etwas anderes machen : die ihn durchkraften mit einer neuen Erkenntnisart, mit einer solchen Erkenntnisart, die eindringen kann in Gebiete, welche der bloBen Naturwissenschaft verschlossen sind. Es ist - ich lege auf den Ausdruck keinen besonderen Wert, aber er verdeutlicht die Sache - eine Art geistiger Chemie, durch die man in die geistigen Gebiete desDaseins eindringen kann, aber eine Chemie, die allerdings nur in bezug auf sichere Logik und methodisches Den- ken Ahnlichkeit hat mit der auBeren Chemie: es ist die Chemie des menschlichen Seelenlebens selber. - Und von diesem Gesichtspunkte aus, um uns zu verstandigen, sei wiederum von mir vergleichsweise
das Folgende gesagt: Wenn wir Wasser vor uns haben, so hat dieses Wasser gewisse Eigenschaften. Der Chemiker kommt und zeigt, daB in diesem Wasser Wasserstoff und Sauerstoff darinnen sind. Nehmen wir den Wasserstoff : er brennt, er ist gasformig, er ist ganz anders als das Wasser. Wiirde jemand jemals, wenn er nichts von Chemie wiiBte, dem Wasser ansehen konnen, daB in ihm Wasserstoff ist? Wasser ist fhissig, brennt nicht, loscht sogar das Feuer. Wasserstoff brennt, ist ein Gas, kurz: Wiirde jemand dem Wasser ansehen konnen, daB in ihm Wasserstoff enthalten ist? - Dennoch kommt der Chemiker und trennt ab von dem Wasser den Wasserstoff. Mit dem Wasser laBt sich ver- gleichen der Mensch, wie er im Alltag vor uns stent, wie er vor der gewohnlichen Wissenschaft steht. In ihm sind vereinigt Physisch- Leibliches und Geistig-Seelisches. Die auBere Wissenschaft und die Weltanschauung, die sich auf ihr auf baut, sie haben vollig recht, wenn sie sagen: Ja, diesem Menschen, der uns da gegeniibersteht, kann man nicht ansehen, daB in ihm ein Geistig-Seelisches ist; und begreiflich ist es, wenn eine Weltanschauung dieses Seelisch-Geistige vollig ab- leugnet. Aber das ist gerade so, wie wenn man die Natur des Wasser- stoffes ableugnen wiirde.
Allerdings die Notwendigkeit fiir einen Beweis liegt vor, daB das Geistig-Seelische wirklich abgetrennt von der menschlichen Wesen- heit, abgesondert von dem Physisch-Leiblichen in seelisch-geistiger Chemie dargestellt werden konne. Dieses kann sein. DaB es eine solche geistig-seelische Chemie gibt, das ist es, was Geisteswissenschaft heute der Menschheit zu sagen hat, so wie der Kopernikanismus der dadurch iiberraschten Menschheit zu sagen hatte, daB die Erde nicht still steht, sondern in rasendem Tempo um die Sonne sich bewegt, die Sonne aber still steht. Und wie noch bis in das 19. Jahrhundert herein Koper- nikanische Schriften auf dem Index standen, so werden in gewisser Beziehung lange die Erkenntnisse der Geisteswissenschaft auf dem Index anderer Weltanschauungen stehen, jener Weltanschauungen, die sich nicht losmachen konnen von dem, was jahrhundertealte Vor- urteile sind, was Denkgewohnheiten sind. Und daB diese Geistes- wissenschaft dennoch bis zu einem gewissen Grad jetzt schon Herzen und Seelen ergreifen kann, daB sie nicht gerade auBerhalb des Suchens
unserer Zeit liegt, dafur haben wir ja einen kleinen Beweis, dessen ich mich nicht riihmen will, der aber erwahnt werden darf als ein Zeugnis fur das, ich mochte sagen, in den Seelen verborgene ZeitgemaBe der Geisteswissenschaft. Sind wir ja in der Lage, bereits in unserer Zeit dieser Geisteswissenschaft eine freie Hochschule auf freiem schweize- rischem Boden zu bauen; und konnen wir doch erblicken durch das Verstandnis der Freunde dieser Geistesstromung das Wahrzeichen derselben in dem auch dem Baustil nach neuen, doppelkuppeligen Rundbau, welcher von Dornachs Hohen, bei Basel, als ein erstes auBe- res Denkmal sich erheben soil fur das, was diese Geisteswissenschaft der modernen Kultur einzuverleiben hat. DaB dieser Bau schon im Aufrichten ist, daB sich die Formen seiner Kuppeln schon uber den Rundbau erheben, das lafit uns heute mit noch viel mehr HofHiung und innerer Befriedigung von Geisteswissenschaft sprechen, trotz all der Gegnerschaft, trotz all des Unverstandnisses, das ihr begegnet und begegnen muB heute noch in weiten Kreisen.
Das, was ich als geistige Chemie bezeichnet habe, ist allerdings nichts, was erreicht werden kann durch auBere Methoden, die man mit den Augen ansehen kann, die durch auBere Verrichtungen herbei- gefuhrt werden. Das, was geistige Chemie genannt werden kann, voll- zieht sich lediglich an der menschlichen Seele selber, und Verrich- tungen sind es intimer seelisch-geistiger Art, Verrichtungen, welche die Seele nicht so lassen, wie sie im alltaglichen Leben ist, sondern welche wirken auf diese Seele so, daB sie sich umartet, daB sie zu einem ganz anderen Erkenntniswerkzeug wird, als sie gewohnlich ist. Und nicht sind es irgendwelche, man mochte sagen, wunderbare Verrich- tungen, irgendwelche vom Aberglauben hergenommenen Verrich- tungen, die also in geis tiger Chemie angewendet werden, sondern es sind durchaus innere, geistig-seelische Verrichtungen, welche sich auf- bauen auf dem, was auch im alltaglichen Leben vorhanden ist : Krafte der Seele, die immer da sind, die wir im alltaglichen Leben brauchen, die aber in diesem alltaglichen Leben, ich mochte sagen, nur nebenher verwendet werden, die aber unermeBlich gesteigert werden mussen, ins Unbegrenzte sich erkraften mussen, wenn der Mensch wirklich zum geistigen Erkenner werden soil.
Die eine Kraft, die in unserem ganzen seelischen Leben sich be- tatigt mehr nebenher, aber unermeBlich gesteigert werden muB, wir konnen sie nennen: die Aufmerksamkeit. Was ist Aufmerksamkeit? Nun, wir lassen das Leben, das an der Seele voriiberflutet, nicht so, wie es sich selbst gestaltet, voriiberfluten; wir raffen uns im Inneren auf, um den geistigen Blick auf dieses oder jenes hinzurichten. Ein- zelne Dinge greifen wir heraus, stellen sie in das Blickfeld unseres BewuBtseins, konzentrieren die Seelenkrafte auf diese Einzelheiten. Und wir diirfen sagen: Nur dadurch ist unser seelisches Leben, das Aktivitat braucht, auch im Alltag moglich, daB wir entwickeln konnen ein solches Interesse, das heraushebt einzelne Ereignisse und Tat- sachen und Wesenheiten aus dem voriiberflutenden Strom des Da- seins. Diese Aufmerksamkeit, sie ist im gewohnlichen Leben durchaus notwendig. Man wird immer mehr und mehr einsehen, gerade wenn auch Geisteswissenschaft ein wenig in die Seelen eindringt, daB im Grunde genommen das, was die Menschen die Gedachtnisfrage nen- nen, nur eine Aufmerksamkeitsfrage ist, und das wird wichtige Ge- sichtspunkte werfen selbst auf alle Erziehungsfragen. Man kann ge- radezu sagen, je mehr man sich bemiiht, schon beim heranwachsenden und auch beim spateren Menschen die Seele immer wieder und wieder- um in die Tatigkeit der Aufmerksamkeit zu versetzen, desto mehr wird das Gedachtnis verstarkt. Nicht allein, daB es besser wirkt fur die Dinge, auf die wir aufmerksam gewesen sind, sondern je ofter wir diese Aufmerksamkeitstatigkeit ausiiben konnen, desto mehr wachst unser Gedachtnis heran, desto intensiver gestaltet es sich. Und ein anderes noch: Wer hatte heute nicht gehort von jener traurigen Seelen- erscheinung, die man die Diskontinuitat des BewuBtseins nennen konnte. Es gibt heute Menschen, die kein voiles Zuriickschauen haben auf ihr seitheriges Leben, wo sie hinterher nicht wissen : Du warst mit deinem Ich in diesem oder jenem Erlebnisse; die nicht wissen, was sie durchgemacht haben. Vorkommen kann es, daB solche Menschen ihr Heim verlassen, weil sie die Folgerichtigkeit in ihrem seelischen Er- leben verloren haben; daB sie ihr Heim verlassen ohne Sinn und Ver- stand, daB sie wie mit Verlust ihres eigenen Ichs durch die Welt gehen, so daB sie erst nach Jahren wieder finden ihr Ich und ankniipfen kon-
nen an das, was da ihr Ich erlebt hat. Niemals wiirden solche Erschei- nungen zu jener Tragik fuhren konnen, zu der sie oftmals fuhren, wenn man wiiBte, daB auch diese Integritat, dieses In-sich-voll-bewuBt- Halten des BewuBtseins abhangt von einer regelrechten Entwickelung der Aufmerksamkeitsbetatigung.
So ist Aufmerksamkeitsbetatigung etwas, was wir im gewohnlichen Leben durchaus brauchen. Der Geistesforscher muB ankniipfen an sie, muB sie entwickeln zu besonderer innerer Seelenerkraftung, muB sie vertiefen zu dem, was man nennen konnte Meditation, Konzentration. Das sind die technischen Ausdriicke fur die Sache. So wie wir im ge- wohnlichen Leben, veranlaBt durch das Leben selber, dem oder jenem Gegenstand die Aufmerksamkeit zuwenden, so wendet der Geistes- forscher aus innerer Seelenmethodik heraus alle Seelenkrafte auf eine Vorstellung, ein Bild, eine Empfindung, einen Willensimpuls, eine Gemutsstimmung, die er iiberschauen kann, die ganz klar vor seiner Seele ist, und auf die er alle Seelenkrafte konzentriert; aber so konzen- triert, daB er, wie nur sonst im tiefen Schlaf, alle Sinnentatigkeit unter- druckt hat, die sich auf AuBeres richtet, daB er alles Denken und Trachten, alle Sorgen und AfFekte des Lebens so zum Stillstand ge- bracht hat, wie sonst nur im tiefen Schlaf. In bezug auf das gewohn- liche Leben wird in der Tat der Mensch so, wie sonst im tiefen Schlaf; nur daB er sein BewuBtsein nicht verliert, daB er es vollig wach erhalt. Aber alle Krafte der Seele, die sonst zerstreut sind auf das auBere Er- leben, auf die Sorgen und Bekiimmernisse des Daseins, die sind kon- zentriert auf die eine, durch Willkiir in den Mittelpunkt des mensch- lichen Seelenlebens gestellte Vorstellung, Empfindung oder sonstiges. Dadurch drangen sich die Seelenkrafte zusammen und das, was sonst nur schlummert, nur wie zwischen den Zeilen des Lebens fur dieses Leben mitwirkt, das kraftet sich heraus, pragt sich heraus aus der menschlichen Seele; und es tritt tatsachlich ein, daB durch diese innere Erkraftung der menschlichen Seele in der konzentrierten Tatigkeit, in der ins UnermeBliche gesteigerten Aufmerksamkeit, diese Seele sich so in sich erleben lernt, daB sie fahig wird, sich bewuBt herauszureiBen aus dem physisch-sinnlichen Leib, wie der Wasserstoff durch die che- mische Methode herausgelost wird aus dem Wasser.
Allerdings, es ist eine innere seelische Erarbeitung, die durch Jahre geht, wenn der Geistesforscher seine Seek dutch solche Aufmerksam- keits-, durch solche Konzentrationsbetatigung dazu befahigen will, sich herauszureiBen aus dem physischen Leib. Dann aber kommt die Zeit, wo der Geistesforscher einen Sinn zu verbinden weiB mit dem Worte, oh, mit dem der heutigen Welt so paradox klingenden Worte, mit dem dieser Welt so phantastisch erscheinenden Worte : Ich erlebe mich als geistig seelisches Wesen auBerhalb meines Leibes und ich weiB, daB dieser Leib auBerhalb meiner Seele sich befindet - nun, wie der Tisch sich auBerhalb meines Leibes befindet. Ich weiB, daB die Seele, innerlich erkraftet, sich so erleben kann, auch wenn sie den Leib wie ein fremdes Objekt vor sich hat, diesen Leib mit all seinen Schick- salen, die er im gewohnlichen auBeren Leben durchlauft. Der Mensch wird sich in dem, was er sonst ist, vollstandig auBere Wesenheit, und er erlebt sich als geistig-seelisches Wesen in Absonderung von seinem Leib, und dieses geistig seelische Wesen zeigt dann ganz andere Eigen- schaften, als es zeigt, wenn es mit dem physisch-sinnlichen Leibe ver- bunden ist und sich des an das Gehirn gebundenen Verstandes bedient.
Zunachst lost sich die Denkkraft los von dem physischen Erleben. - Da ich nicht in Abstraktionen sprechen will, sondern von wirklichen Tatsachen berichten mochte, so stoBen Sie sich nicht daran, daB ich ungeschminkt, vorurteilsfrei schildern mochte das, was heute noch so paradox klingt. — Wenn der Geistesforscher anfangt einen Sinn zu ver- binden mit dem Wort: Du lebst jetzt in deiner Seele, du weiBt, daB deine Seele ein wirklich geistiges Wesen ist, in dem du dich erlebst, wenn du auBerhalb deiner Sinne und des Gehirns bist, dann erfuhlt er sich zunachst mit seinem Denken wie auBerhalb seines Gehirns, seinen Kopf umwebend und umlebend. Ja, er weiB, da man, solange man im physischen Leib zwischen der Geburt und dem Tode steht, immer wieder und wieder in den Leib zuriickkehren muB -, es weiB der Geistesforscher genau den Moment zu beobachten, wo er, nachdem er mit dem rein Geistig-Seelischen gelebt hat, wiederum zuruckkehrt mit seinem Denken in sein Gehirn. Er erlebt es, wie dieses Gehirn einen Widerstand bietet, fiihlt, wie er gleichsam mit den Wellen des friiheren, rein geistigen Lebens untertaucht und dann hineinschliipft
in sein physisches Gehirn, das jetzt in seiner eigenen Betatigung wiederum dem folgt, was das Geistig-Seelische vollbringt. Dieses Er- leben auBerhalb des Leibes und dieses wiederum Untertauchen in den Leib, es gehort zu den erschutterndsten Erlebnissen des Geistes- forschers.
Aber dieses rein in sich selber sich erlebende Denken, das auBerhalb des Gehirns verlauft, stellt sich anders dar, als das gewohnliche Den- ken. Die gewohnlichen Gedanken sind schattenhaft gegen die Ge- danken, die nunmehr wie eine neue Welt dastehen vor dem Geistes- forscher, wenn er auBerhalb seines Leibes ist. Es durchdringen sich die Gedanken rnit innerer Bildhaftigkeit. Deshalb nennen wir das, was sich da hinstellt vor das geistige Auge: Imaginationen - aber nicht deshalb, weil wir glauben, daB diese nur etwas Phantastisches, Er- dachtes enthalten, sondern weil das, was da wahrgenommen wird, tat- sachlich bildhaft erlebt wird, imaginiert wird; aber diese Imagination ist ein Untertauchen in die Dinge selbst, man erlebt die Dinge und Vorgange der geistigen Welt, und die Dinge und Vorgange der gei- stigen Welt stellen sich in Imaginationen vor die Seele hin. - So kann das Denken abgesondert werden von dem physisch-leiblichen Leben, und der Geistesforscher kann sich wissen in einer Welt geistiger Vor- gange und Wesenheiten.
Aber auch andereKrafte des Menschen konnen abgelost werden von dem rein Leiblich-Physischen. Wenn das Denken abgelost wird, dann erlebt der Geistesforscher zunachst nach all dem, was jetzt geschildert worden ist, sich selber in seiner rein geistig-seelischen Wesenheit; aber es ist das, was er da mit den Dingen und Vorgangen in der geistigen Welt erlebt, eine ganz andere Art und Weise des Wahrnehmens als das gewohnliche Wahrnehmen. Wenn man gewohnlich die Dinge wahr- nimmt, sind sie dort, und man selber ist bier; sie stehen einem gegen- iiber. So ist es nicht von dem Augenblick an, wo man im geistig- seelischen Erleben eine geistige Welt um sich hat, die wirklich mit der- selben Notwendigkeit aufsteigt, wie um den Blindgeborenen herum Farben und Licht sich erheben, wenn er operiert worden ist. Nein, so wie die auBere Welt erlebt man die geistige Welt nicht. Dieses Erleben ist ein solches, daB man die Dinge und Wesenheiten der geistigen Welt
nicht bloB vor sich hat, sondern daB man mit seinem ganzen Wesen untertaucht in sie. Dann weiB man : Du nimmst die Dinge und Wesen- heiten wahr, indem du mit deinem Wesen in sie ausgeflossen bist und das, was in ihnen ist, so wahrnimmst, daB sie sich in den Bildernnach- bilden, die du schaust. Man fiihlt, daB alle Wahrnehmung eine Nach- bildung ist. Man fiihlt sich in fortwahrender Tatigkeit. Deshalb konnte man nennen dieses Aufleben der imaginativen Gedankenwelt eine geistige Mimik, ein geistiges Mienenspiel. Man reiBt sich aus dem Leiblichen mit seinem Seelisch-Geistigen heraus ; aber dieses Seelisch- Geistige ist in fortwahrender Tatigkeit und taucht unter in die Vor- gange der geistigen Welt und ahmt nach, was in ihnen als ihre eigenen Krafte lebt; und man fiihlt sich so mit den Wesen verbunden, daB man vergleichen kann dieses Untertauchen damit, wie wenn jemand einem Menschen gegeniiberstunde, erraten konnte, was in diesem lebt, und ein solches inneres Miterleben hatte, daB er in seinem eigenen Mienen- spiel den Ausdruck der Trauer zeigen miiBte, wenn der andere traurig ware, und in seinem eigenen Mienenspiel den Ausdruck der Freude zeigen miiBte, wenn der andere freudig ware. So erlebt man geistig- seelisch mit, was andere erleben; man wird selber der Ausdruck da- von. In der geistigen Miene driickt man selbst das Wesen der Dinge aus. Ein aktives Wahrnehmen ist es, zu dem man getrieben wird. Man darf sagen : Geistesforschung stellt ganz andere Anforderungen an die menschliche Seele als auBere Forschung, die die Dinge passiv hin- nimmt, die Anforderungen, daB die Seele in innerer Regsamkeit ist und untertauchen kann in die Dinge und Wesenheiten und zum Selbst- ausdruck desjenigen wird, was die Dinge ihr darbieten.
So wie nun die Denkkraft als Geistig-Seelisches eben in geistiger Chemie herausgesondert werden kann aus dem Physisch-Leiblichen, so kann auch eine andere Kraft, die der Mensch sonst nur im Leibe verwendet, die sich sozusagen hineingieBt in den Leib, aus diesem Leib herausgesondert werden. So sonderbar das klingt: Diese andere Kraft ist die Sprachkraft, die Kraft, die wir sonst im gewohnlichen Leben im Sprechen anwenden.
Wie ist es denn, wenn wir sprechen? Unsere Gedanken leben in uns, unsere Gedanken lassen mitvibrieren unser Gehirn; dieses hat seine
Verbindung mit dem Sprachapparat, Muskeln werden in Bewegung gesetzt; was wir innerlich erleben, flieBt aus in die Worte und lebt in den Worten. Konnen wir nicht sagen — und gerade von dem Gesichts- punkt der Geisteswissenschaft aus miissen wir das sagen—: In dem Spre- chen ergieBen wir, was in unserer Seele ist, in leiblich-physische Organe hinaus. - Dadurch, daB der Mensch die Aufmerksamkeit also steigert, wie es geschildert worden ist, und noch etwas anderes hinzufiigt - wiederum eine solche Betatigung, die gewohnlich schon vorhanden ist und auch ins Unbegrenzte gesteigert werden muB -, entsteht die Loslosung der Sprachkraft von dem physisch-sinnlichen Leibe. Diese Kraft ist die Hingabe.
Wir kennen sie in den Momenten, wo wir religios fiihlen, wo wir in Liebe diesem oder jenem Wesen hingegeben sind, wo wir in strenger Forschung den Dingen und ihren Gesetzen folgen konnen, wo wir uns selbst vergessen konnen mit all unseren Empfindungen und Ge- danken. Wir kennen sie, diese Hingabe. Sie verflieBt eigentlich nur zwischen den Zeilen des gewohnlichen Lebens. Der Geistesforscher muB diese Kraft ins Unendliche steigern; unbegrenzt muB er sie er- kraften. Er muB in der Tat dem Strom des Daseins so hingegeben sein konnen, wie er sonst nur hingegeben ist diesem Strom des Daseins - ohne selbst etwas dazu zu tun zu dem, was er erlebt - im tiefen Schlaf, wenn alle Regsamkeit seiner Glieder ruht, wenn alle Sinne schweigen, wenn der Mensch nur ganz hingegeben ist und nichts tut; aber dann ist er im Schlaf in die BewuBtlosigkeit verfallen. Wenn sich aber der Mensch durch innere Willkiir dazu aufraffen kann, immer wieder und wiederum es als Ubung seiner Seele zu machen, daB er alle Sinnes- tatigkeit unterdriickt, daB er alle Regsamkeit der Glieder unterdriickt, daB er sein physisch-sinnliches Leben versetzt in einen Zustand, wie es sonst nur im tiefen Schlafe ist, dabei aber wach bleibt, vollstandig sein inneres Bewufitsein licht erhalt und das Gefiihl, die Empfindung entwickelt, eingegossen zu sein dem Strom des Daseins, nichts zu wollen als das, was die Welt mit einem will: wenn er dieses Gefiihl immer wieder und wiederum hervorruft, wenn er es aber hervorruft abgesondert von der Aufmerksamkeit, dann erkraftet sich die Seele gerade immer mehr und mehr.
Nur miissen die beiden Obungen - die mit der Aufmerksamkeit und die mit der Hingabe - abgetrennt voneinander gemacht werden; denn sie widersprechen einander. Hat die Aufmerksamkeit erfordert hochste Anspannung, Konzentration nach einem Objekte hin — die vertiefte Meditation -, so erfordert Hingabe, passive Hingabe an den Strom des Daseins, unermeBliche Steigerung desjenigen Gefuhls, das wir finden im religiosen Erleben oder in sonstiger Hingabe an ein geliebtes We- sen. Die Friichte, die der Mensch aus soldi unermeBlicher Steigerung der Hingabe und der Aufmerksamkeit schopft, sind eben, daB er sein geistig-seelisches Leben heraussondert aus dem Physisch-Leiblichen. Und so kann die Kraft, die sonst in das Wort sich ausgieBt, die da- durch sich betatigt, daB sie nicht in sich stehen bleibt, sondern die Nerven in Bewegung versetzt, diese Kraft kann abgetrennt werden von der auBeren Sprachbetatigung, kann im Seelisch-Geistigen in sich selber bleiben. Da wird die Sprachkraft - so konnen wir sie nennen - aus ihrem Sinnlich-Physischen herausgerissen, und der Mensch erlebt dasjenige, was man mit einem Goetheschen Wort das geistige Gehor, das geistige Horen nennen kann.
Wiederum ist es so, daB der Mensch sich erlebt aufierhalb seines Leibes, aber jetzt so, daB er untertaucht in die Dinge und das innere Wesen der Dinge wahrnirnmt; aber auch so wahrnimmt, daB er es in sich selber nachbildet, wie mit einer inneren Gebarde, nicht bloB wie mit einer Miene, sondern mit innerer Gebarde, wie mit einer inneren Geste. Das aus dem Leib herausgerissene Seelisch-Geistige betatigt sich so, wie wenn wir versucht sind, durch eine besondere Anlage in bezug auf unser Nachahmungstalent, das durch unsere Geste auszu- driicken, was uns beschaftigt. Was da nur durch besondere Anlagen gemacht wird, das macht die aus dem Leib herausgerissene Seele, um wahrzunehmen. Sie taucht unter in die Dinge, und was fur Krafte da drinnen spielen, das bildet sie aktiv nach. All dieses Wahrnehmen in der geistigen Welt ist ein Sich-Betatigen, und indem man die Tatigkeit wahrnimmt, in die man sich versetzen muB, weil man nachbildet das innere Weben und Wesen der Dinge, nimmt man diese Dinge wahr. In der auBeren sinnlichen Welt ist das Horen passiv, wir horen zu. - Sprechen und Horen flieBen wie zusammen im geistigen Horen. Wir
tauchen unter in das Wesen der Dinge ; wir horen ihr inneres Weben. Was Pythagoras die Spharenmusik genannt hat, ist etwas, was der Geistesforscher wirklich erreichen kann. Er taucht unter in die Dinge und Wesen der geistigen Welt und hort, aber hort, indem er aus- spricht. Ein sprechendes Horen, ein horendes Sprechen im Unter- tauchen in das Wesen der Dinge ist das, was man erlebt. Die wahre Inspiration ist es, die sich also ergibt.
Und eine dritte innere Betatigung, eine dritte Art inneren Erlebens kann iiber den Geistesforscher kommen, wenn er die gesteigerte Auf- merksamkeit und Hingabe immer weiter entwickelt. Was da an und in dem Geistesforscher auftritt, indem er sich auBerhalb seines Leibes erlebt, ich mochte es in der folgenden Weise besprechen.
Betrachten wir das Kind. Es ist des Menschen Eigentumlichkeit - ich kann nicht ausfiihrlich dariiber sprechen, ich will nur das andeuten, was zum Zweck des heutigen Vortrags wichtig ist -, es ist eine Eigen- tumlichkeit des heranwachsenden Menschen, daB er sich seine Rich- tung im Raume, daB er sich die Art und Weise, in den Raum hinein- gestellt zu sein, selber geben muB im Laufe des Kindheitslebens. Der Mensch wird geboren, indem er nicht gehen, nicht stehen kann, indem er sich anfangs, wie man hier in Osterreich zu sagen pflegt, aller Viere bedienen muB. Dann entwickelt er jene inneren Krafte, die ich Auf- richtekrafte nennen mochte, und dadurch tritt im Menschen das her- vor, was so viele tiefere Geister in seiner Bedeutung gefuhlt haben, indem sie sagten: dadurch, daB sich der Mensch in die vertikale Rich- tung erheben kann, weiB er den Blick hinauszurichten in die Weiten des Himmelsraumes, haftet sein Blick nicht bloB an dem Irdischen. Aber das Wesentliche ist, daB der Mensch durch innere Krafte, durch inneres Erkraften und Erleben sich herausentwickelt sozusagen aus seinem hilf losen horizontalen Leben in das aufrechte vertikale Leben hinein. Der Naturwissenschafter wird schon einsehen, daB das, was da an innerer Betatigung des Menschen vorhanden ist, etwas ganz anderes ist als die Vererbungskrafte, die dem Tiere seine Richtekrafte geben in der Welt. Ganz anders wirken die Krafte im Tier, die das Tier in diese oder jene Richtung zur Vertikalen bringen, als im Menschen, in welchem eine Summe von Kraften wirkt, die ihn herausreiBt aus
seiner hilflosen Lage, und die innerlich wirkt, um ihm anzuweisen diejenige Raumesrichtung, durch die er eigentlich im wahren Sinn des Wortes Erdenmensch ist, durch die er erst wird, was er als Mensch auf der Erde ist. Diese Krafte wirken sehr im Verborgenen. Man kommt ihnen nur bei, wenn man sich schon ein wenig in Geistes- wissenschaft vertieft hat; aber es ist ein ganzes System, eine groBe Summe von Kraften. Sie werden nicht alle verbraucht in der kindli- chen Zeit des Menschen, wo er stehen und gehen lernt. Es schlum- mern gerade Krafte von dieser Art noch im Menschen drinnen; aber sie bleiben unbemitzt im auCeren Sinnesleben und im aufieren Wis- senschaftsleben.
Durch das, was die Seele an Ubungen gesteigerter Aufmerksam- keit und Hingabe verrichtet, wird der Mensch innerlich gewahr, wie in ihm sitzen diese Krafte, die ihn aufgerichtet haben als Kind. Er wird geistiger Richtekrafte, geistiger Bewegungskrafte sich bewuBt und die Folge davon ist, daB er zu der inneren Mimik, zu dem inneren Mienenspiel, zu der inneren Gebardenfahigkeit, zu der inneren Geste, auch innere Physiognomie seines Geistig-Seelischen hinzuzufugen ver- mag. Wenn das Geistig-Seelische so heraus ist aus dem Physisch-Leib- lichen, wenn der Mensch anfangt als Geistesforscher einen Sinn ver- binden zu konnen mit dem Wort: Du erlebst dich im Geistig-Seeli- schen dann kommt auch die Zeit, wo er sich der Krafte bewuBt wird, die ihn aufgerichtet haben, die ihn als physisch-sinnliches We- sen vertikal auf die Erde gestellt haben. Diese Krafte verwendet er jetzt im rein Geistig-Seelischen, und dadurch kommt er in die Lage, diese Krafte anders zu verwenden als sonst im Leben; er gelangt dazu, diesen Kraften andere Richtungen zu geben, aus sich selber eine andere Gestalt zu machen als er gemacht hat im physischen Erleben wahrend seiner Kindheit. Er weiB jetzt innere Bewegungen zu entwickeln, weiB sich alien Richtungen anzupassen, er weiB seinem Geistigen andere Physiognomien zu geben denn als Erdenmensch; er gelangt dazu, hinunterzutauchen in andere geistige Vorgange und Wesen; er weiB sich so zu verbinden, daB er die Krafte, die ihn sonst vom krie- chenden Kinde zum aufrechten Menschen wandeln, daB er diese wan- delt im Inneren der geistigen Dinge und Wesenheiten, so daB er diesen
Dingen und Wesenheiten ahnlich wird und sie so selber ausdriickt und dadurch wahrnimmt. Das ist die reale Intuition. Denn das wirkliche Wahrnehmen geistiger Wesenheiten und Vorgange ist ein Untertau- chen in dieselben, ist ein Annehmen ihrer eigenen Physiognomie. Wah- rend man das, was Vorgange in den Wesen sind, erlebt durch innere Mimik, wahrend man die Beweglichkeit der geistigen Wesen erlebt dadurch, daB man ihre Gesten nachzubilden vermag; vermag man sich nun selber in die Dinge und Vorgange zu verwandeln, vermag man die eigene Gestalt des Geistigen anzunehmen, dadurch nimmt man es wahr, daB man es sozusagen selbst geworden ist.
Ich habe Ihnen nicht in allgemein philosophischen Ausdriicken schildern wollen die Art und Weise, wie sich der Geistesforscher hin- einlebt in die geistigen Welten, ich habe Ihnen moglichst konkret schildern wollen, wie dieses geistig-seelische Erleben vom Leiblichen, vom physisch-sinnlichen Wahrnehmen sich losreiBt und untertaucht in die geistige Welt, indem es aktiv wahrnehmend in derselben wird. Das aber ist ersichtlich geworden, daB jeder Schritt in die geistige Welt hinein von Aktivitat begleitet werden muB, daB wir bei jedem Schritte wissen miissen, daB die Dinge uns nicht ihr Wesen entgegen- tragen, sondern daB wir nur das wissen konnen von den Dingen und Vorgangen der geistigen Welt, was wir nachzubilden, nachzuschaffen imstande sind, indem wir uns aktiv wahrnehmend verhalten konnen. Das ist der groBe Unterschied der Geisteserkenntnis von der gewohn- lichen auBeren Erkenntnis, daB diese auBere Erkenntnis sich passiv hingibt den Dingen, daB die Geisteserkenntnis in fortwahrender Akti- vitat leben muB, daB der Mensch werden muB zu dem, was er wahr- nehmen will.
Es wird einem heute noch, oder man konnte auch sagen, heute schon wiederum verziehen, wenn man im allgemeinen von einer gei- stigen Welt spricht. Das lassen sich die Leute noch gefallen. Das aber wirkt noch auf unsere Zeit paradox, daB jemand sagen kann: Der Mensch kann sich loslosen von allem Sehen, Horen, alien sinnlichen Wahrnehmungen, allem Denken, das an Nerven und Gehirn gebun- den ist, und kann sich dann, indem vor ihm ganz verschwindet alles, was erlebt wird im physischen Dasein, umgeben fiihlen, umgeben wis-
sen von einer ganz neuen konkreten Welt, ja, von einer Welt, in der Vorgange und Wesen rein geistiger Art sind, so wie hier in der phy- sischen Welt Vorgange und Wesen physischer Art sind. Nicht ein ver- schwommener Pantheismus, nicht eine allgemeine Sauce des geistigen Lebens ist es, wovon Geisteswissenschaft zu sprechen hat. Der Gei- steswissenschaft gegeniiber ist es, wenn man nur von einem pantheisti- schen Geisteswesen spricht, so, wie wenn man sagte: Ich fuhre dich auf eine Wiese, da spriefit etwas auf, das ist Natur; dann fiihrt man ihn in ein Laboratorium und sagt: Das ist Natur, Pan-Natur! Alle Blu- men und Kaferchen und Baume und Straucher, alle chemischen und physikalischen Vorgange: Pan-Natur! Die Leute wiirden wenig zu- frieden sein mit solcher Pan-Natur; denn sie wissen, man kommt nur zurecht, wenn man das Einzelne wirklich verfolgen kann. Ebenso- wenig wie die auBereWissenschaft von Pan-Natur spricht, ebensowenig spricht Geisteswissenschaft von einer allgemeinen Geistessauce; sie spricht von wirklichen, wahrnehmbaren, konkreten geistigen Vor- gangen und Wesenheiten. Sie darf sich nicht scheuen, herauszufordern die Zeit, indem sie sagt: Geradeso wie wir, wenn wir in der physischen Welt stehen, zunachst die Menschen als physische Wesen um uns sehen unter den, man konnte sagen, Hierarchien der physischen Wesen, der Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen -, so schwindet das um uns herum aus unserem geistigen Horizont, wenn wir uns hineinleben in die geistige Welt; aber auf tauchen geistige Reiche, geistige Hier- archien: Wesen, die zunachst dem Menschen gleich sind, Wesen, die hoher sind als der Mensch; und so wie vom Menschen nach unten gehen die Tiere, Pflanzen und Mineralien in der physischen Welt, so sind da Wesen und Geschopfe hinaufsteigend vom Menschen in hohere Reiche des Daseins, einzelne, individuelle geistige Wesen- heiten und Geschopfe.
Wie die Menschenseele sich selber hineinstellt in die geistige Welt, wie ihr Leben ist innerhalb dieser geistigen Welt nach der Geistes- forschung, die im Prinzip heute angedeutet worden ist; wie die Men- schenseele zu leben hat in dieser geistigen Welt, wenn sie den physi- schen Leib beim Tode ablegt, wenn sie den Gang durchmiBt, nach- dem sie durch die Pforte des Todes geschritten ist, in einer rein geisti-
gen Welt, davon soil dann iibermorgen die Rede sein. Uber einzelne Erkenntnisse der Geisteswissenschaft iiber dieses Leben nach dem Tod soli der iibermorgige Vortrag handeln.
Das, was Geisteswissenschaft so schon als ihre Methode ausbildet - nun, man merkt es sofort -, es unterscheidet sich sehr wesentlich von dem, was unsere Zeitgenossen als solches noch zugeben konnen aus den Denkgewohnheiten heraus, die sich einmal gebildet haben im Laufe der Jahrhunderte und die ebenso festsitzen gegeniiber dieser Geisteswissenschaft, wie die Denkgewohnheiten vergangener Jahr- hunderte festgesessen sind gegeniiber dem kopernikanischen Welt- system. Aber, wie muB Geisteswissenschaft denken gegeniiber dem Suchen der Zeit, wenn sie sich recht verstehen will und wenn sie sich recht verhalten will gegeniiber diesem Suchen der Zeit?
Der erste Einwand, der aus unserer Zeit heraus so leicht gemacht werden kann, ist der, daB man sagt: Ja, der Geisteswissenschafter spricht also davon, daB die Seele erst besondere Krafte entwickeln soil; dann kann sie hineinschauen in die geistige Welt. Derjenige, der diese Krafte noch nicht entwickelt hat, der es noch nicht gebracht hat zum geistigen Bilderbilden, zum Trennen des Denkens, zum Ab- trennen der Sprachkrafte, zum Abtrennen der Raumesrichtekrafte, der Wesenrichtekrafte, den ginge also die geistige Welt gar nichts an! Sol- cher Einwand ist gerade so wie der, der sagen wiirde: Derjenige, der nicht malen kann, den gehen Bilder nichts an. - Das ware schlimm. Malen kann Bilder nur derjenige, der malen gelernt hat. Aber es ware traurig, wenn derjenige nur Bilder begreiflich und verstandlich finden konnte, der malen konnte. Malen kann es freilich nur der Maler; wenn aber das Bild vor dem Menschen stent, dann ist es so, daB die Men- schenseele die ganz naturgemaBen Krafte in sich hat, das Bild zu ver- stehen, auch wenn sie nicht vermag, es zu malen. Und die mensch- liche Seele hat eine Sprache in sich, die sie mit der lebendigen Kunst verbindet. So ist es mit der Geisteswissenschaft. Auf finden die Tat- sachen und Vorgange und Wesenheiten der geistigen Welt und sie schildern, das kann nur der, der selber zum Geistesforscher geworden ist ; wenn aber der Geistesforscher sich bemiiht - wie es zum Beispiel in bezug auf die geisteswissenschaftliche Methode heute versucht wor-
den ist -, das, was er in der geistigen Welt erforscht, in die Worte der gewohnlichen Gedanken und Ideen zu kleiden, dann ist das, was er so gibt, begreiflich jeder Seele, audi wenn sie kein Geistesforscher ge- worden ist; wenn sie nur hinwegzuraumen vermag all das, was aus der zeitgenossischen Bildung, was aus der Bildung kommt, die sich so gibt, als ob sie auf dem festen Boden der Naturwissenschaft stiinde, die in Wahrheit aber durchaus nicht auf ihm steht, sondem es nur glaubt. Wenn sich die Seele nur aller Vorurteile begibt, wenn sie sich nur wirklich unbefangen wie der Betrachtung eines Bildes hingibt demjenigen, was der Geistesforscher zu kiinden weiB, dann ist das Er- gebnis der Geistesforschung fur jede Seele verstandlich. Die menschli- chen Seelen sind auf Wahrheit und auf Wahrheitsempnndung veran- lagt, nicht auf die Empfindung der Unwahrheit und des Unrichtigen, wenn sie nur hinwegraumen alien Schutt, der sich aus Vorurteilen an- sammelt. Tief ist in den Menschenseelen eine geheime intime Sprache, die Sprache, durch die jeder auf jeder Bildungs- und Entwickelungs- stufe den Geistesforscher verstehen kann, wenn er nur will.
Das ist es aber, was gerade der Geisteswissenschafter in dem Suchen unserer Zeit findet. In verflossenen Jahrhunderten haben die Men- schen einzig und allein geglaubt, iiber die geistige Welt etwas wissen zu konnen durch die Glaubensvorstellungen; in der letzten Zeit haben diese Seelen glauben konnen, daB ein sicheres Wissen sich nur auf den auBeren Tatsachen aufbauen lasse; in unserer Zeit wissen es die Seelen nur noch nicht in ihrem OberbewuBtsein, wie man sagen kann - bei dem, was sie sich deutlich machen konnen in BegrifFen und Vorstel- lungen und Gefuhlen, sitzt es noch nicht aber fur den Geistesfor- scher ist es klar: Wir leben in einer Zeit, in der sich in den Tiefen der menschlichen Seelen, in jenen Tiefen, von denen diese Seelen sel- ber noch nicht viel wissen, vorbereitet Sehnsucht nach der Geistes- wissenschaft, HofFnung auf diese Geisteswissenschaft Immer mehr und mehr wird man erkennen, daB alte Vorurteile schwinden miis- sen. Namentlich in bezug auf das Denken wird man dann so manches erkennen. So wird es heute noch viele Menschen geben - gerade die- jenigen, die glauben auf einem festgefiigten philosophischen Boden zu stehen -, die da sagen: Hat es nicht Kant bewiesen, hat es nicht
die Physiologie bewiesen, daB der Mensch hinter die Sinneswelt nicht hinuntertauchen kann mit seinem Wissen? Und nun kommt da eine solche Geisteswissenschaft und will Kant bekampfen, will zeigen, daB das nicht richtig sei, was die moderne Physiologie so klarlich zeigt! - Ja, Geisteswissenschaft will gar nicht zeigen, daB das unrichtig sei, was Kant von seinem Standpunkt aus sagt und was die moderne Phy- siologie von ihrem Standpunkt aus sagt; aber die Zeit, das heute noch im Geheimen wirkende Suchen der Zeit, wird lernen, daB es noch einen anderen Gesichtspunkt gegeniiber richtig und unrichtig gibt als den, an den man sich gewohnt hat. Nehmen wir, wie sich die wirk- liche Lebenspraxis - die Lebenspraxis, die die fruchtbare ist -, wie sich die zu diesen Dingen verhalt.
Es konnte jemand durch strikte Beweise erharten, daB der Mensch mit seinen Augen unfahig ist, zum Beispiel Zellen zu sehen. Solch ein Beweisgang konnte ganz richtig sein, so richtig wie der Kantsche Be- weis, daB der Mensch mit den Fahigkeiten, die Kant kennt, nicht ein- dringen kann in das Wesen der Dinge. Nehmen wir an, es gabe noch keine mikroskopische Forschung, und es sei bewiesen, der Mensch konne nicht kleinste Teile sehen; das kann richtig sein. Der Beweis kann in jeder Beziehung absolut Happen und nichts konnte einzu- wenden sein gegen den strengen Beweis, daB der Mensch mit seinen Augen zunachst die kleinsten Teilorganismen der groBen Organismen nicht sehen kann. Aber darauf kam es nicht an im wirklichen Fort- gang der Forschung; da kam es darauf an, trotz der Richtigkeit dieses Beweises zu zeigen, daB physische Werkzeuge gefunden werden kon- nen, Mikroskop, Teleskop und andere, um das zu erreichen, was ganz beweisbar nicht erreicht werden kann, wenn die Fahigkeiten unbe- wafFnet bleiben, die der Mensch hat. Recht haben die, die da sagen: Die menschlichen Fahigkeiten sind begrenzt; aber die Geisteswissen- schaft widerspricht ihnen nicht, sie zeigt nur, dafi es ebenso eine gei- stige Erkraftung und Verstarkung der menschlichen Erkenntniskrafte gibt, wie es eine physische Erkraftung gibt, und daB trotz der Rich- tigkeit des entgegengesetzten Gedankenganges die fruchtbare Geistes- forschung sich gerade jenseits eines solchen Richtigen und Unrichti- gen stellen muB. Die Menschen werden lernen, nicht mehr zu pochen
auf das, was sich mit den beschrankten Mitteln der Beweiskrafte, die man hat, eben beweisen laBt; sie werden einsehen, daB das Leben andere Anforderungen an die Menschheitsentwickelung stellt als das, was man manchmal so unmittelbar logisch sicher nennt.
Und ein anderes muB gesagt werden, wenn das wirkliche, nicht bloB das eingebildete Suchen der Zeit in Beziehung gebracht werden soil zu demjenigen, was Geistesforschung wirklich als Aufgabe, als Ziel hat. Noch einmal darf da hingewiesen werden auf die wahrhaft gewaltigen Fortschritte der Naturwissenschaft. Es ist nicht zu ver- wundern gegeniiber diesen groBen, gewaltigen Fortschritten der Na- turwissenschaft, daB es heute Geister gibt, die da glauben, auf dem festen Boden der Naturwissenschaft ein Weltgebaude aufrichten zu konnen, das allerdings nicht auf solche Krafte reflektiert, wie sie heute besprochen worden sind. Es gibt heute eine schon weitverbreitete, ich mochte sagen, materialistisch gefarbte Geistesrichtung; aber sie nennt sich etwas nobler, weil der Ausdruck materialistisch in MiB- klang gekommen ist, die monistische Geistesstromung: diese moni- stische Geistesstromung, deren Oberhaupt der ganz gewiB auf seinem naturwissenschaftlichen Gebiet bedeutende Ernst Haeckel und deren Feldmarschall Wilhelm Ostwald ist. Diese Geistesanschauung, sie ver- sucht durch einen Ausbau dessen, was an Einsichten bloB aus der Na- turerkenntnis heraus gewonnen werden kann, eine Weltanschauung aufzubauen. Das Suchen der Zeit wird gegeniiber einem solchen Ver- such zu dem folgenden Ergebnis kommen : Solange die Naturwissen- schaft dabei stehenbleibt, die Gesetze des auBeren Sinnesdaseins zu er- forschen, die Zusammenhange in diesem auBeren Sinnesdasein der Seele zu vergegenwartigen, so lange steht Naturwissenschaft auf festem Boden. Und sie hat wahrhaftig ein GroBes geleistet; sie hat das GroBe geleistet, daB sie alten Vorurteilen das Lebenslicht griind- lich ausgeblasen hat. So wie noch Faust selbst vor der Natur gestan- den hat und zu einer auBeren, materiellen Magie gegriffen hat, so kann heute der, der die Naturwissenschaft versteht, nicht mehr zu einer sol- chen materiellen Magie greifen. — Aber etwas anderes ist es, daB das geistige Leben selber, auf den Wegen, die charakterisiert worden sind, eine innere Magie der Seele auferlegt. - Gegen alle jene aberglaubi-
schen Geistesstromungen, gegen alles das, was die auBere Natur so erklaren will, wie wir etwa eine Uhr erklaren, wenn wir sagen: Da sind drinnen kleine Geisterchen; gegeniiber aller Naturerklarung, die hinter den Naturerscheinungen diese und jene Wesen findet, hat die Naturwissenschaft ihr GroBes geleistet in der Negation, auch als Welt- anschauung. Und schauen wir uns einmal an, wie die sogenannte naturwissenschaftliche Naturanschauung wirkt, solange sich die Gei- ster damit beschaftigen konnen, die alten, ungesunden BegrifTe von allerlei geistigen Wesen, die hinter der Natur erdichtet werden, zu be- seitigen. Solange Front gemacht werden kann gegen solches Geistes- streben, so lange lebt eine naturwissenschaftliche Weltanschauung von der Bekampfung desjenigen, was bekampft werden mufite.
Aber dieser Kampf, er hat in gewisser Beziehung seinen Hohepunkt schon iiberschritten, hat sein Gutes bereits geleistet; und heute geht das Suchen der Zeit dahin, zu fragen: Mit welchen Mitteln konnen wir uns ein Weltbild auf bauen, in dem die menschliche Seele drinnen Platz hat? Da versagt diese naturwissenschaftliche Weltanschauung, dieser Haeckel-Ostwaldsche Materialismus vollig, wenn sich der Mensch richtig versteht. Immer klarer und klarer wird es dem Suchen der Zeit werden, man mochte sagen, daB als Soldaten die Bekenner der rein materialistischen Weltanschauung im Bekampfen alten Aber- glaubens grofi sind, dafi sie aber sind wie Krieger, die ihren Dienst getan und nun kein Talent haben, die Kiinste des Friedens zu ent- wickeln, Industrien zu entwickeln, Ackerbau zu treiben. Der Natur- wissenschaft soli nicht ihre Grofie genommen werden, wenn sie Welt- anschauung wird, um zu bekampfen aberglaubische Vorstellungen. Solange solche Weltanschauungsdenker stehenbleiben konnen beim Kampf, da haben sie noch etwas am Kampf in der Seele, was sie auf- recht erhalt, wenn aber der Mensch sich dann ein wirkliches Weltbild aufbauen will, in welchem die Seele einen Platz hat, dann ist er wie der Krieger, der fur die Kiinste des Friedens kein Talent hat. Da steht er gegeniiber der Frage seiner Seele, sagen wir, in Friedenszeiten des Weltlebens, und es baut sich ein Weltenbild nicht auf.
Solche Stimmung wird sich immer mehr und mehr geltend machen in den Seelen; diese Stimmungen kann der Geistesforscher schon
schauen in den Untergriinden der Seelen. Da wo diese Seelen noch nichts davon wissen, da walten die Sehnsuchten nach dem, was die Geistesforschung der Welt bringen will. Das ist das Geheimnis der heutigen Zeit. Aber wenn sie so von einem hoheren Gesichtspunkt aus, man mochte sagen, durchaus zeitgemaB ist, diese geistesforsche- rische Weltanschauung, so ist sie unzeitgemaB vor vielen Zeitgenos- sen, die noch nicht tief hineinschauen in das, was sie eigentlich selber wollen. Daher bringt diese Geisteswissenschaft zunachst ein Weltbild, das man so ansieht, als ob es nicht auf festem wissenschaftlichem Boden stiinde. Das andere Weltbild, das des sogenannten Monismus, es will blofi auf Grundlage der aufieren Wissenschaft auferbaut sein. Dieses Weltbild, man konnte an seiner Kehrseite heute sehen, wohin es fiihren muB, wenn die Seele wirklich ihre Hoffhungen, ihre Sehn- suchten erfullt sehen will. In jener Aktivitat der Geistesforschung, von der gesprochen worden ist, ergibt sich fur die Seele das, was diese Seele wirklich hinaufhebt zur geistigen Gemeinschaft, ergibt sich die geistige Welt in wahrnehmbarer Aktivitat, in aktiver Wahrnehmung. Durch die Geisteswissenschaft kann der Mensch wiederum wissen von der wahren Geisteswelt, von der geistigen Wirklichkeit. Davon weiB das sogenannte monistische Weltbild nichts zu sagen dem geistigen Suchen der Zeit.
Dieses Suchen der Zeit, dieses Suchen der menschlichen Seelen, es laBt sich aber nicht unterdriicken, und so hat sich ein Teil unserer Zeitgenossen schon daran gewohnt, die Gedanken iiber Geistiges in sich selber gleichsam so zu stellen, daB diese Gedanken wie die naturwissenschaftlichen Gedanken laufen: daB AuBeres angeschaut wird in passiver Hingabe. Was ist geworden? Das ist geworden, daB ein Teil unserer Zeitgenossen - die sich damit beschaftigen, die wis- sen es - im Grunde genommen darauf verfallen ist, das Geistige so ansehen zu wollen, wie man das Sinnliche anschaut. Ich sage nicht, daB nicht auf diesem Wege manches durchaus Wahre zustande kom- men kann; aber die Methode eines solchen Vorgehens ist eine andere als die der Geisteswissenschaft. Das, was man Spiritismus nennt, das will auBerlich, ohne aktive innere Wahrnehmung, ohne sich in die gei- stigen Welten zu erheben, geistige Wesenheiten und Vorgange an-
schauen auBerlich passiv, wie man anschaut physisch-sinnliche Vor- gange. Wessen Kind ist der rein auBerliche, wir diirfen sagen mate- rialistische Spiritismus? Er ist das Kind derjenigen Geistesstromung, die auf dem sogenannten monistischen Standpunkt steht und dem Aberglauben des Materialismus, der bloBen Wirksamkeit auBerer Na- turgesetze sich hingibt. Was - so wird mancher Zeitgenosse sagen - der Spiritismus, ein Kind des echten Haeckelschen Monismus ? — Das Suchen der Zeit wird sich davon uberzeugen, daB es eben mit diesem Kind so geht wie mit anderen Kindern. Mancher Vater, manche Mut- ter hat die schonsten Gedanken iiber all das, was sich am Kind ent- wickeln soil, und es kann doch ein rechter Balg manchmal entstehen. Von dem, was als ein wahres Kulturkind der Monismus traumt, auf das kommt es nicht an; auf das kommt es an, was wirklich entsteht. Der bloBe Glaube an das Materielle wird den Glauben erzeugen, daB auch die Geister sich materiell allein betatigen und offenbaren konnen. Und je mehr wachsen wiirde der reine monistische Materialismus, desto mehr wiirden Spiritistengesellschaften und spiritistische An- schauungen iiberall auf bliihen als das notwendige Gegenbild. Je mehr es den blinden Bekennern Haeckel- und Ostwaldscher Richtung ge- lingen wird, in Weltanschauungsfragen gelingen wird, zuruckzudran- gen wahre Geisteswissenschaft, desto mehr werden sie sehen, daB sie ziichten werden den Spiritismus, die Kehrseite wahrer Geistesfor- schung. So sicher der Geistesforscher steht auf dem Boden des er- forschbaren, des erkennbaren, des wiBbaren Geisteslebens, so wenig kann er der Methode folgen, die den Geist materialisieren will und sich passiv an das hingeben wTill, was Geist ist, wahrend man es nur im Aktiven erleben kann.
Ich will aber doch auch das Suchen unserer Zeit, das sich noch nicht innerlich verstehen kann in bezug auf ein anderes charakterisieren. Ein Mann, der als Philosoph eine gewisse Schatzung verdient, hat einen sonderbaren Aufsatz in einer viel gelesenen Zeitschrift geschrie- ben. Darin schreibt er zum Beispiel, daB Spinoza und Kant fur man- chen Menschen recht schwer zu lesen sind. Man Best sich hinein in sie; aber da wandeln und wirbeln die Begriffe nur so herum -; nun, es soli durchaus nicht abgeleugnet werden, daB es fur viele Men-
schen so ist, wenn sie sich in Kant oder Spinoza hineinleseri wollen, daB ihnen da die Begriffe durcheinanderwirbeln. Aber jener Philosoph gibt einen Ratschlag, wie man das gemafi dem Suchen unserer Zeit anders gestalten konne. Er sagt: Wir haben ja heute eine Einrichtung, einen technischen Fortschritt, durch den das, was in den bloB abstrak- ten Kantschen und Spinozaschen Gedanken vor die Seele gestellt, diese Seelen verwirrt, recht anschaulich vor die Seelen gebracht werden kann, so daB man sich ihm passiv in der Wahrnehmung hingeben kann. Der Philosoph will in einer Art von Kinematographen zeigen, wie Spinoza dasitzt, zunachst Glas schleift, wie dann der Gedanke der Ausdehnung iiber ihn kommt ~ das wird gezdgt in wechselnden Bildern. Das Bild der Ausdehnung verwandelt sich in das Bild des Denkens und so weiter. Und so konnte die ganze Ethik und Welt- anschauung Spinozas anschaulich aufgebaut werden auf kinematogra- phische Weise. Dem auBeren Suchen der Zeit ware so Rechnung getragen. Merkwiirdig, daB der Herausgeber der betrefFenden Zeit- schrift sogar die Anmerkung gemacht hat: So konnte dem uralten metaphysischen Bedurfnis des Menschen durch eine Erfindung, die manchen als Spielerei erscheint, abgeholfen werden, die durchaus zeit- gemaB ist.
Nun konnte es vielleicht von einer gewissen Seite her ganz dem Suchen unserer Zeit, aber nur dem auBeren, angemessen sein, wenn man vor dem Kinematographen lesen konnte: Spinozas « Ethik » oder Kants «Kritik der reinen Vernunft». Warum denn nicht? Es ware Rechnung getragen dem passiven Hingeben, das man heute liebt. Man liebt es so, daB man nicht glauben kann, daB das Geistige eine Realitat haben muB, in das man sich nur so hineinfinden kann, daB man jeden Schritt mittut. DaB man an sich selber, in seinem Geistig- Seelischen, das ausdnickt, was das Wesen der Dinge ist, das liebt unsere Zeit noch nicht. Sehen wir uns einmal eine Anschlagsaule an! Versuchen wir die Gedanken zu erraten der Menschen, die davor ste- hen. Zu einem Vortrag, bei dem keine Lichtbilder gegeben werden, sondern wo bloB darauf reflektiert wird, dafi die Seelen miterzeugen die Gedanken, die vorgebracht werden, werden nicht so viel Men- schen hineingehen als zu einem Vortrag, wo Geistig-Seelisches an-
geblich in Lichtbildern demonstriert wird, wo man sich nur passiv hin- zugeben braucht.
Wer hineinschaut in das Suchen unserer Zeit, wo es seine tiefsten, noch unbewuBten HofFnungen und Sehnsuchten geltend macht, der weifi, daB in den Tiefen der Seelen doch ruht der Trieb nach Aktivi- tat; der Trieb, sich wieder zu finden als Seele in voller Aktivitat. Frei, mit sicherem innerem Halt bedacht, kann die Menschenseele nur sein, wenn sie innere Aktivitat entwickeln kann. Im Leben sich zurecht- flnden und orientieren kann die menschliche Seele nur dadurch, daB sie sich bewufit wird, daB sie nicht nur das ist, was ihr von der Welt passiv geschenkt wird, sondern wenn sie weiB, daB sie dabei ist bei dem, was sie in Tatigkeit zu erleben vermag ; und von der geistigen Welt vermag sie nur das einzusehen, dessen sie sich in Tatigkeit zu be- machtigen vermag. Im Nachdenken dessen, was die Geisteswissen- schaft gibt, wird das Auffassen ein Mittun, eine Mittatigkeit entwik- keln miissen; dadurch aber wird Geisteswissenschaft zu einer Befriedi- gung der tiefsten, der unterbewuBten Triebe in den Seelen der Gegen- wart, dadurch kommt sie entgegen dem intimsten Suchen unserer Zeit. Denn in bezug auf die hier mitberuhrten Dinge ist unsere Zeit eine Zeit des Ubergangs. Oh, es ist leicht zu sagen, ist sogar trivial zu sagen: Wir leben in einer tjbergangszeit; denn jede Zeit ist eine LJber- gangszeit. Daher ist es immer richtig, zu sagen, wir leben in einer Ober- gangszeit. Aber wenn man es betont, daB man in einer Ubergangszeit lebe, so kommt es vielmehr darauf an, worin irgendeine Zeit in einem Obergang sich befinde. Will man nun unsere Zeit in ihrem Obergang schildern, so muB man sagen : Es war notwendig - denn nur dadurch konnten die Naturwissenschaften und was durch sie grofi geworden ist, zu ihren Errungenschaften kommen daB einmal durch Jahrhun- derte hindurch die Menschheit durch eine Erziehung zur Passivitat gegangen ist; denn nur so, durch die Hingebung an die materialisti- schen Wahrheiten, konnte erreicht werden, was erreicht werden muBte gerade auf naturwissenschaftlichem Boden. Aber es ist so, daB sich das Leben rhythmisch abspielt. Wie ein Pendel aufschwingt und wie- der abwarts schwingt und auf die entgegengesetzte Seite ausschlagt, so muB die Menschenseele, wenn sie in berechtigter Weise eine Zeit-
kng erzogen worden ist zu treuer, passiver Hingabe, sich wieder auf- raffen, um sich selbst wieder zu finden; urn sich in sich zu ergreifen, muB sie sich aufraffen zur Aktivitat. Denn was ist sie durch die Passi- vitat geworden? Nun, das, was sie geworden ist durch die Passivitat, ich will es aussprechen ungescheut mit einem radikal klingenden Satze, der fur viele gewiB viel zu paradox klingen wird. Aber auf der anderen Seite zeigt gerade das Sich-Einleben in die Geisteswissenschaft, wie es eigentlich nur die Tatsache ist, daB man sich nicht zu den Konsequen- zen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung aufrafft, wenn man dieses radikale Ergebnis nicht betont. Man hat nicht den Mut, die wirklichen Konsequenzen zu ziehen, auch diejenigen nicht, die vor- geben, einzig und allein auf dem Boden dessen zu stehen, was wahre Naturwissenschaft ergibt. Hatte man diese Konsequenz, dann wiirde man merkwiirdige Worte raunen horen durch das Suchen der Zeit.
Am Ausgangspunkt der alttestamentlichen Urkunden stehen Worte - ich will heute iiber ihre innere Bedeutung nicht sprechen; jeder mag die Worte nehmen als das, wofur er sie nehmen kann; mag sie der eine fur ein Bild, der andere fur den Ausdruck einer Tatsache hal- ten: in dem, was ich iiber diese Worte zu sagen habe, konnen alle ubereinstimmen -, die Worte heiBen: «Ihr werdet sein wie Gott und erkennen - oder unterscheiden - das Gute und das B6se!» Es klingt uns heriiber, das Wort, aus dem Anfang des Alten Testamentes. Wie man es auch nehmen will : das wird man zugeben miissen, daB es ein Bedeutungsvolles ausdriickt fur die Menschennatur und die Men- schenseele. Dem Versucher wird es zugeschrieben, der sich heran- naht an den Menschen und ihm ins Ohr raunt: «Wenn du mir folgst, wirst du sein wie ein Gott und unterscheiden das Gute und das B6se.» Das wird man ahnen konnen, daB die Hinneigung nicht nur zu dem Guten nicht ohne diese Versuchung sich im Menschen aus- driicken wiirde; daB ohne diese Versuchung die Hinneigung nur zum Guten entstanden ware, so daB alle menschliche Freiheit in gewisser Weise mit dem zusammenhangt, was diese Worte ausdriicken. Aber sie driicken aus, daB der Mensch gewissermaBen aufgefordert wurde durch den Versucher, iiber sich hinaus sich als ein anderes Wesen anzuschauen, als er ist : wie ein Gott sich zu verhalten zu dem Guten
und zu dem Bosen. Wie gesagt: Mag man uber diese Worte und den Versucher denken wie man will, ich fordere ja heute wirklich nicht, daB man ihn gleich hinnimmt als ein wirkliches Wesen - obwohl es sich recht gut bewahrheitet fur den, der die Dinge durchschaut, das Wort: «Den Teufel spurt das Volkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hatte.» Der, der das Suchen der Zeit ein wenig zu belauschen vermag, der hort heute in diesem Suchen der Zeit doch sein Raunen wieder. Er naht sich. Nenne man es nun eine Stimme der Seele oder wie man will : da ist er - ohne alien Aberglauben mag es gesagt wer- den. Und fur diejenigen, die den Mut haben, die letzten Konsequen- zen einer rein naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu Ziehen, bringt er Worte von einer groBen Eigentumlichkeit, von einer son- derbaren Weisheit hervor. Es haben nur nicht die Menschen, die da vorgeben auf dem Boden rein naturwissenschaftlicher Grundlage zu stehen, den Mut zur letzten Konsequenz. Sie nehmen auf in ihr Fuhlen und Denken doch den Glauben an eine Unterscheidung von Gut und Bose, den sie eigentlich ableugnen muBten, wenn sie rein auf dem Boden der Naturwissenschaft stehen wollten. Es ist doch so, daB, so- bald man sich auf den Boden der bloBen Naturwissenschaft stellt, daB nicht nur die Sonne iiber Gute und Bose in gleicher Weise scheint, sondern daB nach der NaturgesetzmaBigkeit aus der menschlichen Natur heraus das Bose gerade so verrichtet wird als das Gute. Und so raunt er, der Versucher, die Konsequenz ziehend, den Menschen zu: Seht ihr es nicht, ihr seid ja bloB wie hoherentwickelte Tiere. Ihr seid wie die Tiere und konnt nicht unterscheiden zwischen dem Guten und Bosen. - Das ist es, was unsere Zeit zu einer Ubergangs- zeit macht, daB der Versucher mit der entgegengesetzten Stimme als jener, mit der er nach dem Alten Testament gesprochen hat, in unserer Zeit wieder spricht: Ihr seid ja nur entwickelte Tiere und diirft also, wenn ihr euch selbst versteht, keinen Unterschied machen zwischen Gut und Bose.
Hatte man den Mut zu dieser Konsequenz, so ware sie der Aus- fluB einer reinen, in Passivitat hingegebenen Weltanschauung. DaB die Zeit bewahrt bleibe vor dieser Stimme - es sei das bloB bildlich ge- sprochen -, daB in das Suchen der Zeit hineingebracht werde ein Wis-
sen vom geistigen Leben: das ist die Aufgabe, das ist das Ziel der Geisteswissenschaft. Diejenigen, die diese Geisteswissenschaft heute noch bekampfen vom Standpunkt irgendeiner Wissenschaft, sie war- den sich iiberzeugen mussen, daB es sich mit diesem Kampf so ver- halt wie mit dem Kampf gegen den Kopernikanismus. Jetzt, wo wir durch den Bau unserer freien Hochschule fiir Geisteswissenschaft in Dornach auch in der Welt mehr beachtet werden, die uns friiher nicht beachtet hat, mehren sich die Stimmen der Gegner. Und als ich in der letzten Zeit darauf einwendete in der Schrift: «Was soil die Geistes- wissenschaft und wie wird sie von ihren Gegnern behandelt?», da8 die Gegner der Geisteswissenschaft heute auf demselben Standpunkt ste- hen, auf dem die Gegner des Kopernikus gestanden haben, da sagte einer, der sich betroffen fiihlte mit Recht: Ja, der Unterschied ware nur der, daB das, was Kopernikus gesagt hat, Tatsachen sind, wah- rend die Geisteswissenschaft nur Behauptungen vorbringt. Er merkt gar nicht, der Arme, daB fiir die Leute seines Geistes die Tatsachen des Kopernikanismus damals auch nichts anderes waren als Behaup- tungen, leere Behauptungen, und er merkt nicht, daB er heute leere Behauptungen nennt, was vor der wirklichen Forschung eben Tat- sachen, allerdings Tatsachen des geistigen Lebens sind. Und so kann man sowohl von der Wissenschaft als von seiten des religiosen Le- bens Einwande iiber Einwande gerade gegen diese Geisteswissenschaft erhoben finden. Wie die Menschen zur Zeit des Kopernikus gesagt haben : An die Umdrehung der Erde um die Sonne konnen wir nicht glauben, denn sie steht nicht in der Bibel -, so sagen die Leute heute : An das, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, glauben wir nicht, denn es steht nicht in der Bibel. - Es werden aber die Menschen mit dem zurechtkommen, was die Geisteswissenschaft zu sagen hat, wie sie zu- rechtgekommen sind mit dem, was Kopernikus zu sagen hatte.
Und immer wieder und wiederum muB erinnert werden an einen zu- gleich tief gelehrten Mann und Priester, der an der hiesigen Universi- tat gewirkt hat und der, als er seine Rektorrede gehalten hat iiber Galilei, die schonen Worte gesprochen hat: Damals, da standen die Leute, die da glaubten, an religiosen Vorstellungen werde geriittelt, die standen gegen Galilei; heute aber - so sagte dieser Gelehrte beim
Antritt seines Rektorats -, heute weiB der wahrhaft religiose Mensch, daB durch jede neue Wahrheit, die erforscht wird, ein Stiick hinzu- gefiigt wird zur UrofFenbarung der gottlichen Weltenlenkung und zu der Herrlichkeit der gottlichen Weltordnung. - So mochte man die Gegner der Geisteswissenschaft auf etwas aufmerksam machen, was wohl hatte sein konnen, wenn es auch nicht wirklich war. Nehmen wir an, vor Kolumbus ware jemand hingetreten und hatte gesagt : Die- ses neue Land - das er dann entdeckt hat - diirfen wir nicht ent- decken, wir leben im alten Land gut, da scheint die Sonne so schon herein. Wissen wir derm, ob in dem neu zu entdeckenden Lande auch die Sonne scheint? - So kommen dem Geisteswissenschafter seinen religiosen Vorstellungen gegeniiber diejenigen vor, die ihre religiosen Empfindungen gestort glauben durch die Entdeckungen der Geistes- wissenschaft. Der muB eine wankende religiose Vorstellung, einen schwachmutigen Glauben haben, der da glauben kann, daB die Sonne seines religiosen Empfindens nicht bescheinen werde jedes neu ent- deckte Land, auch auf dem geistigen Gebiete, so wie die Sonne, die die alte Welt bescheint, auch die neue Welt bescheint. Und sicher sein konnte der, welcher die Tatsachen unbefangen ins Auge faBt, daB das so ist. Die Zeit aber in ihrem Suchen, wenn sie sich immer mehr und mehr durchdringen wird mit der Geisteswissenschaft, sie wird von ihr so beruhrt werden, wie mancher sich heute noch nicht ertraumen laBt.
Die Geisteswissenschaft hat noch viele Gegner, begreif licherweise. Aber im Einklang fiihlt man sich doch in dieser Geisteswissenschaft mit all denjenigen Geistern der Menschheit, welche, wenn sie auch noch nicht Geisteswissenschaft gehabt haben, geahnt haben jene Zu- sammenhange der menschlichen Seele mit den geistigen Welten, die eben durch Geisteswissenschaft aufgeschlossen werden. So fiihlt man sich gerade mit Bezug auf das, was iiber das neue Wort des Versu- chers gesagt worden ist, im Einklang gerade zum Beispiel mit Schiller und seinem Ahnen gegeniiber der geistigen Welt. Aus seinen eigenen naturwissenschaftlichen Studien heraus hat Schiller durchaus den Ein- druck bekommen, daB er den Menschen herauszuheben hat aus der bloBen Tierheit, und daB die menschliche Seele Anteil hat an einer geistigen Welt. Wie eben in tiefem Einklang mit einem fuhrenden
Geist der neueren Weltanschauungsentwickelung fiihlt man sich auf dem Boden der Geisteswissenschaft, wenn man zusammenfassen kann wie in ein Gefiihl, was heute mit breiteren Satzen hat ausgefiihrt werden wollen, zusammenfassen kann mit den Schillerschen Worten:
Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke, Und Menschheit trat auf die entwolkte Stirn! Und der erhab'ne Fremdling, der Gedanke, Sprang aus dem staunenden Gehirn!
Bekraftigend, daft die Tierheit wich, und der Mensch einer geistigen Welt angehort, bekraftigend solche Satze, steht die Geisteswissen- schaft heute vor dem Suchen unserer Zeit.
Und erinnert - ganz am Schlufi - darf werden an einen Geist, der hier in Osterreich gewirkt hat, indem er in seiner tief innerlich leben- den Seele gefiihlt hat wie einen dunklen Drang das, was Geisteswis- senschaft zur GewiBheit zu erheben hat. Gefiihlt hat er es, man mochte sagen, mit seinem Denken und Sehen einsam dastehend, an geistigen Ausblicken festhaltend, trotzdem er als Arzt voll auf dem Boden der Naturwissenschaft stehen kann. Mit ihm, mit Ernst Freiherrn von Feuchtersleben, ihm, dem Seelenpfleger und Seelenpadagogen, sei es als ein Bekenntnis der Geisteswissenschaft ausgesprochen, sei zusammen- gefaBt das, was im heutigen Vortrag vorgebracht worden ist, zusam- mengefaBt eben mit den Worten Feuchterslebens, in denen etwas er- klingt von dem, was die Seele als ihre hochste Kraft erfiihlen kann; erfuhlen kann aber nur dann, wenn sie sich gewiB ist ihres Zusam- menhangs mit der geistigen Welt. Ernst von Feuchtersleben sagt - was man wie ein Motto zu aller Geisteswissenschaft vorbringen kann : «Die menschliche Seele kann sich nicht verhehlen, daB sie zuletzt ihr wahres Gliick doch nur durch die Erweiterung ihres innersten Be- sitzes und Wesens ergreifen kann.»
Die Erweiterung, die Befestigung, die Sicherung dieses innersten Wesens, dieses geistigen inneren Wesens der Seele soil dem Suchen der Zeit durch die Geisteswissenschaft dargeboten werden.
Offentlicher vortrag
Wien, 8. April 1914
Was hat die Geisteswissenschaft iiber Leben, Tod und Unsterblichkeit
der Menschensede %u sagen?
Wenn es schon in einer gewissen Beziehung schwierig ist, sich iiber die Grundlagen der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, so auseinanderzusetzen, wie es im Vortrag von vorgestern geschehen ist, so darf wohl gesagt werden, daB die Mitteilungen in bezug auf die- jenigen Forschungsergebnisse, die den Gegenstand des heutigen Vor- trags bilden sollen, in gewisser Beziehung eigentlich ein Wagnis sind gegeniiber den Vorstellungsarten und Denkgewohnheiten der Gegen- wart. Denn wird man in dem, was der Vortrag von vorgestern aus- druckte, schon manches Paradoxe finden miissen von diesen Vor- stellungsarten und Denkgewohnheiten aus, so wird man von einem solchen Gesichtspunkte aus ganz gewifi und begreiflicherweise es nicht leicht haben, in dem, was heute zu sagen ist, ernstes Forschen zu sehen. Man wird viel eher in weiten Kreisen der Gegenwart geneigt sein, darin nur zu sehen die Schwarmereien eines sonderbaren Phan- tasten. Dessen muB man sich voll bewuBt sein, wenn man iiber diese Dinge redet; bewuBt sein dessen, daB alles das, was in einer spateren Zeit in das allgemeine BewuBtsein iibergeht, vieles sogar von dem, was dann spater eine Selbstverstandlichkeit wird, in der Zeit, in der es zuerst auftritt, etwas Paradoxes, etwas Phantastisches ist.
Dies mochte ich nur vorausschicken, um zu charakterisieren, wie sehr sich der Geistesforscher dessen bewuBt ist, was alles begreif- licherweise empfunden werden kann, wenn er seine fur die heutige Zeit durchaus noch paradox erscheinenden Forschungsresultate mit- zuteilen sich gestattet.
Bevor ich auf diese Forschungsergebnisse zu sprechen komme, mochte ich in ein paar einleitenden Worten die Grundstimmung der Seele des Geistesforschers charakterisieren. Diese Grundstimmung ist ja eine ganz andere als die Stimmung gegeniiber einem anderen For- schungsfelde. Wahrend man in seiner Erkenntnis dem auBeren Leben
gegeniiber und auch der gewohnlichen Wissenschaft gegeniiber heute mit einem gewissen Rechte das Gefuhl hat, man habe die Er kenntnis- krafte in sich, man brauche sie nur sozusagen in Wirksamkeit xiber- zufiihren, dann konne man urteilen iiber alles das, was die Natur selbst und was der Forscher aus der Natur darbietet - wahrend man bei dieser Forschung alle Miihe darauf verwendet, um eben zu for- schen, um eben die Dinge zu beobachten und durch den Verstand ihre Gesetze zu erkennen, ist die Stimmung des Geistesforschers gegen- iiber der Wahrheit, gegeniiber allem Erkenntnisstreben doch eine ganz andere. Da bekommt man, indem man sich in diese Geistesforschung hineinarbeitet, immer mehr und mehr das Bedurfnis, alle Arbeit der Seele, alles innere Streben zunachst auf die Vorbereitung zu ver- wenden; und immer mehr und mehr bekommt man das Gefuhl : Wenn man sich irgendeiner Wahrheit aus diesem oder jenem Gebiet nahern will, so mochte man eigentlich immer noch warten, immer noch weiter und weiter sich vorbereiten, weil man das BewuBtsein hat: Je mehr Miihe und Arbeit man auf jenen Weg der Seele verwendet, der zuriick- gelegt werden muB, bevor man forscht, desto mehr macht man sich reif, die Wahrheit zu empfangen. Denn ein Empfangen der Wahrheit, das ist es, um was es sich bei der eigentlichen, wirklichen Geistes- wissenschaft handelt. Und so stark kommt dieses Gefuhl, diese Stim- mung iiber die Seele, daB man eine heilige Scheu empfindet, die Dinge an sich herankommen zu las sen und daB man immer wieder und wie- derum gegeniiber wichtigen, wesentlichen Erkenntnissen der Geistes- forschung lieber wartet, als daB man die Dinge zu friih in das Be- wuBtsein hereinkommen laBt. Das bedingt eine ganz besondere Stim- mung in dem Geistesforscher selber, jene Stimmung, die all die Arbeit, von der vorgestern als einer inneren Seelenarbeit in Ubungen ge- sprochen worden ist, allmahlich durchdringt, die beim Geistesforscher herbeifiihrt eine gewisse Stellung gegeniiber der Wahrheit, eben die Stellung von heiliger Scheu gegeniiber der Wahrheit.
Nachdem ich dies vorausgeschickt habe, mochte ich nun, ich mochte sagen, unbefangen auf dasjenige eingehen, was iiber das wichtige, bedeutungsvolle, jeder Seele so naheliegende Thema des heutigen Abends zu sagen sein wird. GewiB, es sind nicht die schlechtesten
Gemuter in unserer Gegenwart, die noch immer festhalten an der Meinung, daB die Wahrheiten des Glaubens besondere seien und die Wahrheiten des Wissens auch besondere seien, und die da glauben, daB alles das, was der Mensch sich vorstellen kann als iiber Geburt und Tod hinausgehend, daB alles das nur ein Gegenstand des Glau- bens, nicht streng beweisbarer Wissenschaft sei. Gerade diese strenge Trennung zwischen Glauben und Wissen, sie wird durch die Geistes- wissenschaft aufgehoben. Und man fiihlt sich doch im Einklang mit dem, was langst herein wollte in das moderne Geistesstreben, wenn man in dem Sinne die Wahrheiten, die jenseits des Todes liegen, ent- wickelt, wie es hier geschehen soli; man fiihlt sich im Einklang damit, wenn man sich immer wieder und wiederum so etwas vor Augen halt, daB der grofie Lessing doch mit einer der Hauptwahrheiten dieser Geisteswissenschaft sich auseinandersetzte, auseinandersetzte noch in jener Schrift, die er wie sein geistiges Testament kurz vor seinem Tod als reife Frucht seines Denkens und Sinnens verfaBt hat: in seiner «Erziehung des Menschengeschlechts». Es scheut Lessing nicht davor zuriick, zu sagen, daB die Anschauung von den wiederholten Erden- leben nicht deshalb ein Irrtum zu sein brauche, weil sie auftrat gleich- sam als etwas Erstes, worauf das Menschengeschlecht kam, bevor die Vorurteile der Schule und der Philosophen noch etwas wie einen triiben Schleier gebreket haben iiber das, was als vom Jenseits des Todes die Menschheit im Beginn ihrer Kulturentwickelung wuBte. - So fiihlt man sich dann im Einklang — es konnten noch viele Geister angefiihrt werden - mit den besten Personlichkeiten, die ihr Streben eingefiigt haben in die Kulturentwickelung der Menschheit, gerade wenn man auf dem Boden dieser Geisteswissenschaft steht.
Gesagt worden ist nun vorgestern, daB die Dinge des geistigen Lebens, die Vorgange desselben nur erforscht werden konnen dann, wenn wirklich der Mensch durch das vorgestern Geschilderte dazu kommt, in seiner Seele die in ihr schlummernden Krafte so zu er- starken, so zu erkraften, daB diese Seele die Moglichkeit findet - es wurde gesagt vergleichsweise : Wie durch den Chemiker der Wasser- stofT sich aus dem Wasser herauszieht -, daB so die Seele des Geistes- forschers die Moglichkeit findet, durch die Seeleniibungen sich heraus-
zuziehen aus dem Physisch-Leiblichen, und sich zu erleben abgeson- dert von dem Physisch-Leiblichen, so daB sie dann einen Sinn ver- binden kann mit dem Worte: Ich erlebe mich als seelisch-geistiges Wesen auBerhalb meines Leibes, und mein Leib mit allem, was in der Sinneswelt zu ihm gehort, steht vor mir wie ein auBerer Gegenstand vor uns steht, wenn wir ihn mit den Augen anschauen, mit den Handen beriihren. - Und schon als ich das letzte Mai hier einige offentliche Vortrage halten durfte, konnte ich aufmerksam machen auf den be- deutungsvollen Augenblick, der im Leben des Geistesforschers ein- tritt, wenn wirklich dieser Geistesforscher, durch die vorgestern er- wahnten Ubungen, reif geworden ist. - Wer weiteres iiber diese Ubungen wissen will, der findet es in meinem Buche «Wie erlangt man Erkertntnisse der hoheren Welten?» und in meiner «Geheim- wissenschaft im UmriB». Auch hier soli nur prinzipiell hingewiesen werden auf das, was der Geistesforscher erlebt. Wenn er seine Seele dahin gebracht hat, daB sie heraustreten kann aus ihrem Leibe, dann kommt dies Erlebnis eines Tages, man konnte auch sagen eines Nachts; denn beides ist moglich: mitten in den gewohnlichen Vor- gangen des Tages, mitten in der Nacht, und es wird, wenn es richtig vorbereitet ist, weder das eine noch das andere storen. Es kann in hundertfach verschiedener Weise auftreten, ich mochte nur den typi- schen Charakter schildern. Es kann auftreten so oder so, es wird immer in einer typischen Art auftreten, was ich jetzt anfuhre: Da kommt es, daB der Mensch wie aufwacht aus dem Schlafe; er weiB: etwas geht vor, was nicht ein Traum ist. Er ist entriickt allem auBeren Wahr- nehmen, alien Bekummernissen, alien Leidenschaften, all dem, was ihn mit dem Tag verbindet. Oder mitten im Tage tritt das Ereignis ein, wo man mit seinem Vorstellen stillstehen muB, wo etwas ganz anderes in das Vorstellen, in das BewuBtsein hereintritt. Das, was dann hereintritt, das kann so sein - es wird immer ahnlich sein dem, wie ich es schildere; ich mochte moglichst konkret schildern, wie sich dieses erschiitternde Ereignis fur den Geistesforscher wirklich zu- tragen kann -, da kann man das Gefiihl haben: Du bist jetzt wie in einem Haus, in das der Blitz eingeschlagen hat. Deine Umgebung zer- fallt wie ein Haus, in das der Blitz eingeschlagen hat. Der Blitz geht
durch dich selber durch. Man fuhlt, wie alles, womit man materiell verbunden ist, wie durch die Elemente von einem abgetrennt wird, so fuhlt man sich aus sich herausgelost, sich aufrechthaltend als ein geistiges Wesen. Es ist das der denkbar tiefste, erschiitterndste Ein- druck. Von diesem Momente an, oder von einem ahnlichen, weiB man, was es heiBt, auBer seinem Leibe in der Seele selber sich erleben. Und die Geistesforscher aller Zeiten, sie haben einen Ausdruck gebraucht fur dieses Erlebnis, der voll zutreffend erscheint demjenigen, der dieses Erlebnis kennt. Denn es hat zu alien Zeiten, eben so, wie es die ver- schiedenen Kulturen bedingten, eine Art von Geistesforschung ge- geben. Die heutige ist verschieden von denjenigen der fruheren Zei- ten; sie ist angemessen den Fortschritten der modernen Naturwissen- schaft. Aber das, was durch sie erreicht wird, wurde auch erreicht durch die Methoden, die durch die verschiedenen Kulturen moglich geworden waren. So haben die Geistesforscher der verschiedensten Zeiten das eben angedeutete Erlebnis mit den Worten belegt : man sei als Mensch angekommen an der Pforte des Todes. — Und tatsachlich, was man sich zunachst vorstellen kann als erlebbar durch den Tod, das tritt ein. Es tritt nicht ein unmittelbar als eine Wirklichkeit; denn der Geistesforscher kehrt ja wieder in seinen Leib zuriick und alles ist wie friiher; er nimmt wieder die auBere Welt wahr. Alles das aber, was er erlebt, das ist das Bild von demjenigen, was sich wirklich zu- tragt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes schreitet, wenn das auBere, physische Leben aufhort und das Leben nach dem Tode beginnt.
Will man nun verstehen, wie der Geistesforscher zu den Dingen kommt, von denen hier die Rede ist, so muB man sich vergegen- wartigen, daB er durch die sorgfaltige Vorbereitung seiner Seele, von der gesprochen worden ist, dahin gelangt, ganz anders wahrzunehmen als man mit den auBeren Sinnen wahrnimmt; daB er wirklich hinein- schauen kann in diejenigen Spharen des Daseins, von denen gespro- chen werden soli.
Das erste, wozu der Geistesforscher kommt, wenn er einen solchen Moment uberwunden hat, durch den man an der Pforte des Todes steht, das erste konnte man in einem gewissen Sinn nennen: Man
gelangt jenseits des menschlichen Gedachtnisses. Das menschliche Ge- dachtnis, die menschliche Erinnerungskraft, ist ja etwas, was gewisser- maBen in unserer Seele lebt als der Anfang, mdchte man sagen, von einem Geistigen. Das sehen selbst schon auBere philosophische For- scher, die nichts von der Geisteswissenschaft wissen, ein. Der zu so glanzenden Erfolgen gekommene franzosische Forscher Bergson sieht schon in dem Gedachtnis des Menschen etwas rein Geistiges, das mit biologischen oder physiologischen Vorgangen nichts zu tun hat. Und wenn erst die Vorurteile der Naturwissenschaft, die heute noch fast an jedem haften, voriiber sein werden, dann wird man einsehen, wie in dem Schatz unseres Gedachtnisses fur die Menschenseele schon etwas vorliegt, was gleichsam der Anfang ist zu einem Ubergehen dessen, was an Sinne und Gehirn gebunden ist, zu einem rein Geistig- Seelischen. Indem wir gleichsam unsere Vorstellungen zuriickschieben in das Gedachtnis, bewahren wir sie nicht auf durch irgendwelche korperlichen Vorgange, sondern rein in der Seele. Das kann ich nur andeuten. Die naturwissenschaftliche Rechtfertigung dessen, was eben gesagt worden ist, wiirde sehr viel Zeit und besondere Vortrage in Anspruch nehmen. So nun, wie man im gewohnlichen Leben Erinne- rungsbilder wahrnimmt, die aus dem Schatze unserer Seele herauf- kommen, die so, wie sie auftreten, nichts haben, was uns verleiten konnte, sie etwa zu einer Illusion oder Halluzination zu machen, so treten, aber jetzt nicht aus dem Seelenschatze herauf, sondern aus geistigen Welten heraus, vor die Seele des Geistesforschers die gei- stigen Vorgange und geistigen Tatsachen; und man merkt dann, daB hinter dem, was wir den Gedachtnisschatz nennen, die menschliche Seele noch etwas anderes erleben kann. Der Geistesforscher sieht dann gleichsam das Folgende: Nun bist du aus deinem Leibe mit deiner Seele herausgezogen; nun kannst du erst recht iiberblicken, weil es wie ein auBeres Objekt geworden ist, dasjenige, was du dir durch die Sinneswelt erworben hast: den Schatz des Gedachtnisses. Aber dieser Schatz des Gedachtnisses ist wie ein Schleier, der etwas zudeckt, was immer in der Seele, nur unbewuBt, lebt, was immer in ihr ist; was aber durch Erinnerung und Gedachtnis zugedeckt wird, verschleiert wird. Ja, in diesen menschlichen Seelentiefen ist etwas unten, das
immer in ihnen lebt; aber indem der Mensch seine Erinnerungen aus- breitet in seiner Seele, deckt er dieses unterbewuBte Geistig-Seelische zu. Indem der Geistesforscher in das Geistig-Seelische sich herein er- hebt, hat er allerdings, man mochte sagen, wie den Kometenschweif seines geistig-seelischen Wesens anhangen seine Erinnerungen, aber er kann durch diese Erinnerungen durchschauen auf etwas, was man nennen konnte: Krafte hoherer Art als die Krafte sind, die uns die Erinnerungen aufbewahren. Wenn der Ausdruck nicht so verpont ware - aber es ist schwierig, fur diese Gebiete, die nichts mit der Sinnenwelt zu tun haben, gehorige Ausdriicke zu finden -, so konnte man den Ausdruck anwenden: Man steigt zu einem Ubergedachtnis auf von dem Gedachtnis. Man kommt allmahlich in das hinein, was vorgestern imaginatives Vorstellen genannt worden ist. Wahrend man bei dem Gedachtnis immer das Gefuhl hat: Die Bilder des Gedacht- nisses steigen herauf, sie stellen sich vor die Seele hin, indem du dich ihnen passiv hingibst taucht man nun unter in das, was hinter dem Gedachtnis ist und weiB, daB man aktiv mit hervorbringen muB das, was dann als Imagination, als Inhalt eines tJbergedachtnisses herauf- strebt. Aber man weiB auch durch die zu diesen Dingen vorbereitete Seele, daB das, was sich da offenbart als hinter dem Gedachtnis lie- gend, immer da war, daB es nur zugedeckt war durch das Gedachtnis, und man weiB, indem man es erkennt in seiner Wesenheit, daB das, was sich da hinunterschiebt in die Griinde, die unter dem Gedachtnis- schatze liegen, selber etwas ist, was nun an unserem physischen Orga- nismus arbeitet, was tatig ist an ihm. Man macht noch eine ganz andere Entdeckung. Man macht die folgende Entdeckung - und diese Entdeckung ist aufierordentlich bedeutungsvoll fur das Verhaltnis der Geistesforschung zur Naturforschung. Die Naturforschung tritt uns heute entgegen, indem sie sagt: Alles das, was der Mensch empfindet, denkt und will, ist gebunden an Vorgange seines Nervensystems. Recht hat sie damit; aber sie kann mit ihren Mitteln nicht die Art, wie das Seelenleben an das Nervensystem gebunden ist, wie zum Beispiel das Denken an das Gehirn gebunden ist, herausbekommen. Man muB zu viel tieferen Grundlagen des Seelenlebens gehen. Wenn man mit der Geistesforschung kommt, da merkt man: Ja, es ist fur das ge-
wohnliche Vorstellen des Alltags, auch fur die wissenschaftliche Ar- beit, durchaus richtig, daB alle Gedanken, die wir uns bilden, auch alle Empfindungen zum Beispiel, an das Gehirn gebunden sind; aber wie sind sie an das Gehirn gebunden? Das tiefere Seelische, von dem das gewohnliche Bewufitsein gar nichts weiB, das erst durch Geistesfor- schung entdeckt wird, das bearbeitet erst, sagen wir, eine gewisse Ge- hirnpartie, das sendet erst seine Arbeitskrafte hinein in Sinne und Gehirn; und dadurch, daB dieses «hinterbewufite» Seelische das Ner- vensystem bearbeitet, wird dieses zum Spiegel, um das, was im ge- wohnlichen Leben auftritt, zu spiegeln. Was im gewohnlichen Leben auftritt, ist das Spiegelbild des Seelisch-Geistigen. Geradeso, wie wenn ein Spiegel hier hinge und Sie, wenn Sie sich ihm nahern wiir- den, dann nicht sich sehen wiirden, sondern bloB Ihr Spiegel- bild, geradeso verhalten Sie sich, indem Sie Ihr alltagliches Den- ken, Fuhlen und Wollen entwickeln. Das tiefere Seelische arbeitet speziell am Nervensystem und Gehirn, und was es da erarbeitet, das macht, daB etwas wahrgenommen werden kann. So ist es das Seelisch- Geistige, das das Auge bearbeitet, und was im Auge gewisse Vor- gange hervorruft. Wenn diese Vorgange hervorgerufen sind, dann spiegelt das Auge in das Geistig-Seelische dasjenige zuriick, was wir die Farbe nennen. So ist es das tiefere Seelisch-Geistige, was im Leibe arbeitet. Und dazu wird die Geistesforschung die Menschheit fiihren: zu erkennen, daB wir es selbst sind, die im Inneren unserer Vor- stellungen leben, und die mit ihrem tieferen Wesen erst selber den Leib zubereiten, daB er zum Spiegelungsapparat dafiir wird, was dann die Seele erlebt. So ist es im gewohnlichen, auBeren, raumlichen Le- ben. In dem Augenblick aber, wo unsere Vorstellungen zu Erinne- rungsbildern werden, muB noch etwas anderes vorgehen; wir miissen, wenn nicht die Vorstellungen wie Traume an uns voriiberhuschen sollen, damit sie Erinnerung werden, Aufmerksamkeit verwenden. Alles, was zur Erinnerung werden soil, was uns bleiben soli in der Seele, auf das miissen wir uns langer hinkonzentrieren, als notwendig ist, sagen wir, zum bloBen Vorstellungsbilde. Ein Farbeneindruck wiirde uns nicht in der Erinnerung bleiben, wenn wir ihn nur gerade so lange anschauten, als es notwendig ist, daB die Farbe hervorgerufen
wird. Schauen wir ihn langer an, so appellieren wir an jene Kraft, wel- che alles das in unserer Seele als Erinnemng erhalt. Wir schieben gleichsam zuriick unsere Seelentatigkeit in ein tieferes Wesen und dieses stellt sich heraus nicht als der physische Leib, sondern als etwas, was feiner, atherischer ist als der physische Leib ; und was man in der Geistesforschung eben mit dem allerdings verponten, heute gar nicht beliebten Ausdruck «atherisch» bezeichnen kann - doch hat das Wort nicht den Sinn, den man gewohnlich damit verbindet -, er stellt sich dar als ein atherischer Leib, der schon geistiger Art ist.
Aber nicht nur so wirkt unsere Seele, daB sie diese Erinnerungs- bilder s chant, sondern sie wirkt viel mehr durch ihren Verkehr mit der AuBenwelt im Leben zwischen Geburt und Tod in sich hinein. Und da entdeckt der Geistesforscher das Merkwiirdige, daB unsere Erinnerungen nur deshalb Vorstellungen bleiben, weil sie aufgehalten werden vom Atherleib, nicht in den physischen Leib hineingelassen werden. Wurden sie in den physischen Leib hineinrinnen, wurden sie darin zur Tatigkeit werden, diese Vorstellungen, so wurden sie iiber- gehen in die Bildungskrafte, in die Lebekrafte des physischen Leibes, wurden dies en durchorganisieren. Dadurch, daB wir unsere Vorstel- lungen Vorstellungen sein lassen, sie nicht in organische Krafte iiber- gehen zu lassen brauchen, behalten sie den Charakter der Erinnerung, erhalten wir sie in ihrer Vorstellungskraft. Sie konnen Erinnerungen bleiben.
Aber die Seele entwickelt auch im Leben viel starkere Krafte als diejenigen sind, die die Erinnerungen entwickeln, und diese starkeren Krafte werden nun ebenfalls zunachst in der Seele bewahrt. Aber sie liegen wie ein Obergedachtnis hinter dem gewohnlichen Gedachtnis- schatz; sie sind in uns. Das ist das, was nun der Geistesforscher er- lebt, wenn er durch das Gedachtnis hindurchschaut auf diesen uber- gedachtnismaBigen Schatz, daB er weiB : Da lebt in deiner Seele etwas, was nicht hineinwirken kann in deinen physischen Leib, was unter der Oberflache des Gedachtnis ses liegt, aber auch nicht zur Wirksamkeit kommt in deinem physischen Leibe, jetzt, wie er ist zwischen Geburt und Tod. Da ist etwas, was nicht Vorstellung bleibt, was doch aber nicht zur organisch wirksamen Kraft wird. Der Geistesforscher erlebt
dieses, indem er auBerhalb seines Leibes ist. Aber er erlebt zugleich das andere, das er ausdriicken kann, wenn er sich iiber die Tatsache klar- werden wkd, damit, daB er sagt: Ja, so erlebe ich etwas in meiner Seele, was in ihr ist, was gewissermaBen keine Anwendung findet, weil es nicht hinein kann in den Leib, der gebildet ist seit der Geburt oder, sagen wir, der Empfangnis, weil es darin keine Unterkunft findet. Und indem sich nun der Geistesforscher hineinvertieft in dies, was ich hier angedeutet habe, erlebt er es so, daB er es erkennen kann, wie man er- kennt den Keim, der in einer Pflanze ist. Die Pflanze entwickelt sich von der Wurzel bis 2ur Frucht, in welcher der Keim ist. Der Keim ist aber schon veranlagt in der ganzen Pflanze. Das, was Keim ist, hat fur diese Pflanze keinen Sinn, es kann seine Krafte nicht in diese Pflanze hineinsenken; es ist aber darinnen, es ist die Anlage zu einer folgenden Pflanze, sagen wir, des nachsten Jahres. Indem der Geistesforscher hinuntertaucht, taucht er ein in etwas, was in ihm ein Seelenkern, ein Seelenkeim ist, von dem er weiB, er wird gebildet in diesem Leben zwischen der Geburt und dem Tode, aber er entwickelt seine Krafte nicht in diesem Leben; er taucht da unter in die tieferen Schichten der Seele und liegt bereit fur ein folgendes Leben, wie in der Pflanzen- frucht der Keim bereitliegt fur die folgende Pflanze, die sich nicht ohne die vorhergehende entwickeln konnte.
So kommt man zu der Einsicht des Einklanges der menschlichen aufeinanderfolgenden Erdenleben mit aller auBeren Natur, wenn man so unterzutauchen versteht in das Seelische. Das, was wichtig ist, ist nur, daB der Geistesforscher nie aus den Augen verliert: Das, was du da erleben muBt, das kann nur ein solches sein, bei dem du immer wieder und wiederum dir deiner eigenen Tatigkeit be- wuBt wirst; derm ist man das nicht, iiberschaut man nicht, wie das entstanden ist, dann wird es zur Illusion, Halluzination oder zur bloBen Phantasie. Es ist vollig ein Irrtum, wenn eingewendet wird: Ja, wie kann der Geistesforscher wissen, daB das, was er so entdeckt, keine Halluzination, keine Illusion, nicht Phantasie ist? Es konnte ja eine selbst suggerierte Halluzination sein. Wenn der Geistesforscher sich so stellen wiirde zu dem, was er so erlebt, wie es geschildert worden ist, wie sich das krankhafte Gemut zu einer Halluzination stellt, dann
wiirde dieser Einwand voll berechtigt sein. Denn sie stellt sich gegen- iiber im Gemiit wie eine auBere Wahrnehmung, man durchschaut sie nicht. Das aber lernt der Geistesforscher genau kennen durch die rich- tigen Vorber eitungen - wie Sie sie in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse det hoheren Welten?» lesen konnen daB er unter- scheiden kann das, was nur Reminiszenz ist der AuBenwelt, und was Phantasie und Hallucination ist, zu dem er sich passiv verhalt, daB er dies unterscheiden muB von dem, was sich so hinstellt, daB er es ebenso erkennt, wie man von einem Buchstaben oder einem Worte weiB : Das, was da auf dem Papier stent, das bedeutet nicht sich selbst, sondern etwas anderes. Denn so verwendet der Geistesforscher das Er- schaute nicht, wie man Halluzinationen verwendet, sondern so, daB man es vergleichen kann mit einem geistigen Lesen in einer Schrift von Imaginationen, die sich vor ihn hinstellen. Erst wenn man lernt, in freier Weise in seinem Gemiit das, was man da durch eigene Aktivi- tat hinstellt, so zu verwenden, daB man darin lebt, wie man in den Schriftzugen lebt, durch die man hindurchsieht auf das, was sie be- deuten; erst indem man sich in so innerlich erkrafteter Weise zu dem erhebt, was da in das Seelenschauen tritt, kann man dahin gelangen, wirklich zu erschauen, was Vorgange und Wesenheiten der geistigen Welt sind. Dann aber kommt man, weil man dadurch sich allmahlich einlebt in das Element unserer Seele, das nicht mit dem Leib einerlei ist, hinein in das Wesen, von dem man sagen kann, daB die Eigen- schaft der Unsterblichkeit ihm zukommt.
Geisteswissenschaft ist nicht eine spekulative Philosophic, worin man nachdenkt, welche Griinde konnen sich ergeben far die Unsterb- lichkeit der Seele : Geisteswissenschaft zeigt, wie man zur Seele selber kommt und von dieser wahrhaftigen Seele zeigt sie, was sie wirklich ist. Sie legt gleichsam die Seele bloB; und dann stellt sich heraus, daB das, was als die Seele bloBgelegt wird, nicht ein Ergebnis der auBeren Leiblichkeit ist, daB vielmehr diese Leiblichkeit das Ergebnis dessen ist, was man da entdeckt. Denn wenn man auf der einen Seite ent- deckt in sich den Seelenkern, dem man es anfiihlt, aus dem man her- auserlebt, daB er der Keim zu einem nachsten Erdenleben ist, so erlebt man in diesem iiber dem Gedachtnisschatz Hegenden BewuBtseins-
inhalt audi das, was in den Menschen als das menschliche Leiblich- Physische hereingezogen ist, bevor er als physisches Wesen sein Da- sein begonnen hat mit der Geburt oder, sagen wir, der Empfangnis. Geradeso wie die Seele selbst es ist, die raumlich, wenn wir wahr- nehmen, ihr Gehirn zubereitet, damit dieses ihren Inhalt spiegelt, so erlebt man, daB das Geistig-Seelische, zu man vorgedrungen ist, vor der Geburt, vor der Empfangnis in einer geistigen Welt vorhan- den war und in dieser sich die Krafte erworben hat, urn sich zu ver- binden mit dem, was an physischer Substantialitat gegeben wird von Vater und Mutter, um sich zu durchdringen mit dieser Substantialitat, diese sich anzuorganisieren. Man etlebt, daB der Mensch, so wie er in die Welt hereinzieht, nicht bloB das Ergebnis ist von Vater und Mut- ter, sondern dafi sich verbindet das Geistige mit dem Materiellen, mit dem, was von Vater und Mutter gegeben wird; das Geistige, das aus geistigen Welten herunterkommt, wo es gelebt hat zwischen dem letz- ten Tod und dieser Empfangnis. Und der Geistesforscher kann, indem man also kennenlernt dasjenige in der Seele, was jenseits des Gedacht- nisses liegt, er kann dadurch auch erkennen lernen, wie die Seele sich verhalt, wenn nicht mehr das Leibliche sozusagen die Tatigkeit dieses Geistig-Seelischen zuriickhalt, wenn der Tod liber den Menschen ge- kommen ist. Wenn der Tod iiber den Menschen gekommen ist, dann lebt die Seele zunachst - das ist die Tatsache, die sich der Geistes- forschung darbietet - in dem, was wahrend des Lebens nicht physisch- leiblich geworden ist; sie lebt in ihrem Gedachtnisschatz. In der ersten Zeit nach dem Tode breitet sich aus vor der Seele ein weites Erinne- rungsbild von alledem, was der Mensch erlebt hat zwischen Geburt und Tod. Auch alle diejenigen Ereignisse kommen herauf, welche ver- gessen worden sind im Leben. Dieses Erleben seiner ganzen Erinne- rung dauert nur wenige Tage. Der Geistesforscher kann das durch- schauen, was da als das erste Erlebnis nach dem Tode auftritt, weil er ja kennenlernt die Natur des Gedachtnisses. Wenn die Seele aus dem Leibe heraus ist, dann wird wirklich fur den Geistesforscher so etwas zum BewuBtseinsinhalt, wie es fur den Toten wird, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist. Vor dem Geistesforscher tritt auch dasjenige auf, sobald er auBer dem Leibe ist, was sein ge-
samter Gedankeninhalt ist, aber jetzt so wie eine Welt; wie man sonst Berge und Wolken und Sterne und Sonne und Mond und Fliisse und Stadte um sich hat, so hat man auBer seinem Leibe zunachst ein Tableau desjenigen, was man erlebt hat, vor sich; nur kann man dieses Tableau durchschauen, man kann seine Wirkungskraft ersehen. Indem man - um einen trivialen Ausdruck zu gebrauchen - sich hingewohnt hat, wirklich auBerleiblich diese Dinge zu durchschauen, gelangt man auch allmahlich dazu, wirklich den Blick bewuBt hinwerfen zu konnen auf das, was die Seele nach dem Tode durchlebt, was sie durchlebt hat nach dem letzten Tode, was ihr bevorsteht nach dem Tode, der da kommen wird. Erst ist es dieses Erinnerungsbild, das breitet sich aus, die Gedanken, die sich angesammelt haben. Aber hinter dem tritt eine andere Seelenkraft auf. Jetzt, da der Tod voriibergegangen ist, ist diese Seelenkraft nicht mehr durch den Leib gehemmt, jetzt wirkt sie so, daB dieses Erinnerungsbild nach einigen Tagen verschwindet aus der Umgebung des Menschen.
Man kommt ja, wie schon eingangs gesagt, auf gewagte Dinge, wenn man iiber das Thema des heutigen Vortrags sprechen will, aber man kann doch nicht umhin, diese Dinge zu beruhren, wenn man nicht in allgemeinen Redensarten sich ergehen will. Ich habe versucht dar- zustellen, was der Geistesforschung sich ergeben hat iiber die Dauer dieses ersten Erlebnisses nach dem Tode. Da hat sich ergeben, daB diese Riickschau auf die Gedankenbilder der Erlebnisse des letzten Lebens fur die verschiedenen Menschen verschieden lang dauert, fur den einen Menschen langer, fur den anderen kiirzer; aber im allge- meinen ungefahr so lange, als die Kraft dauern kann wahrend des Le- bens, durch die sich der Mensch wach erhalten kann, wenn er ver- hindert ist, einzuschlafen. Der eine Mensch kann kaum eine Nacht sich wach erhalten, ohne daB ihn der Schlaf iibermannt, ein anderer viele Nachte. Diese innere Kraft, den Schlaf zu bekampfen, die ist der MaBstab fiir die Zahl der Tage, nach denen diese Riickerinnerung nach dem Tode dauert. Dann verschwindet diese, und etwas anderes tritt auf.
Was jetzt auftritt, in das kann man sich nur vertiefen, wenn man es auch schon kennt durch die aufierleiblichen Erlebnisse; aber es ist sehr
schwierig, Worte zu finden fur diese Erlebnisse der Seek, die ganz andersgeartet sind als diejenigen, die man im Alltage erlebt. Unsere Sprache ist ja fur die sinnliche Welt gepragt. Was auBerhalb der Sinnes- welt liegt, erlebt die Seele ganz anders als hier in der Sinneswelt. Da- her bitte ich Sie zu entschuldigen, wenn Ihnen manche Ausdrucke un- gelenk, paradox vorkommen werden; aber Sie konnen versichert sein: Wenn jemand sich anschickt, mit den ganz gewohnlichen Worten der Sprache das zu schildern, wofiir sich nur schwer Worte finden lassen, so wird er nicht unmittelbar aus den Erlebnissen der Seele heraus schildern konnen dasjenige, was nach der Riickschau erlebt wird. — Das, was nunmehr die Seele erlebt, was der Geistesforscher auBer dem Leibe erlebt, das ist das, was ich nun eben mit dem Ausdruck be- legen mochte - es ist namlich kein Fiihlen und ist kein Wollen, es ist etwas zwischen dem Fiihlen und Wollen was ich nennen mochte ein «wollendes Fiihlen », ein«fiihlendes Wollen ». Man hat diese Seelen- kraft, die man innerlich entwickelt, gar nicht im gewohnlichen Leben. Man kennt sie als Geistesforscher. Es ist, wie wenn der Wille mit uns sich dahin bewegte, in der Welt; und wie wenn dieser Wille, ich mochte sagen, indem er sich dahin bewegt, auf seinen Fliigeln oder seinen Fluten tragt das, was uns nun als Gefiihl so entgegentritt, da8 es wie auBer uns ist, wie heranspielt auf den Wogen des Willens. Wahrend wir sonst gewohnt sind, dieses Gefiihl als etwas zu empfin- den, was innerlich verwachsen ist mit uns, wird das jetzt so wie wogend und webend auf den Wellen des Willens; und wir wissen dennoch, da wir uns bei diesem Erleben ausbreiten in die Welt, daB wir in dem, was da drauBen ist als wollendes Fiihlen, als fiihlendes Wollen, was drauBen ist wie die Farben- und Tonwahrnehmungen der Sinneswelt, daB das von unserem Wesen durchdrungen ist. Ein Fiihlen ist da drauBen, das wir wie Licht wahrnehmen; aber wir wis- sen uns zugleich mit ihm verbunden.
Aber in der ersten Zeit nach der Riickschau erlebt dies der Mensch so, daB seine einzige Welt, die er zunachst walirnimmt, im Grunde diejenige ist, aus der er sozusagen mit dem Tode herausgegangen ist. Nachdem sich das Erinnerungstableau abgedammert hat, entfaltet sich, erkraftet sich in der Seele dieses fiihlende Wollen, wollende Fiihlen;
aber dieses driickt nur Dinge aus, die mit dem letzten Erdenleben noch zusammenhangen; so daB wir diese Dinge, die wir da erleben, etwa in der folgenden Art charakterisieren konnen: Das Erdenleben gibt dem Menschen niemals in seine Erfahrung alles das, was es ihm geben konnte. Eine Menge Dinge bleiben so, daB wir sagen konnen: Wir haben nicht alles genossen, was hatte genossen werden konnen, was Eindriicke hatte machen konnen zwischen Geburt und Tod. Es ist immer sozusagen zwischen den Zeilen des Lebens etwas von Begier- den, von Wunschen, von Liebe zu anderen Menschen und so weiter zuriickgeblieben. Unerledigtes - um den trivialen Ausdruck zu brau- chen - im letzten Leben, das ist das, auf das wir begehrend geistig zuriickblicken, und zwar jetzt auf Jahre hin begehrend geistig zuriick- blicken. In diesen Jahren ist es so, daB wir sozusagen unsere Welt hauptsachlich in demjenigen haben, was wir gewesen sind. Wir schauen in unser letztes Erdensein hinein, schauen in ihm das, was unerledigt geblieben ist. Und erst dadurch, daB wir in einer Sphare jahrelang leben, in der davon nichts befriedigt werden kann, wie es auf Erden befriedigt wird, weil wir ja die leiblichen Organe dazu ab- gelegt haben, arbeiten wir uns in der Seele heraus aus solchen Zu- sammenhangen mit dem letzten Erdenleben.
Auch hier hat wiederum die Geisteswissenschaft die Lange dieser Erlebnisse zu iiberblicken, und da kann das Folgende gesagt werden: Die Zeit, die der Mensch durchlebt, in der allerersten Kindheit bis zu dem Zeitpunkt, wo er sich zuruckerinnert, die hat keinen EinfluB auf die Dauer der Erlebnisse, die jetzt geschildert worden sind. Ebenso hat die Zeit, die wir nach dem funfundzwanzigsten, sechsundzwan- zigsten, siebenundzwanzigsten Jahre weiter durchleben, keinen Ein- fluB mehr. Die Jahre etwa vom vierten bis in die Zwanzigerjahre hin- ein, die deuten auch die Lange an, in der man - so zusammenhangend mit seinem letzten Erdenleben - Erfahrungen zu sammeln hat in der geistigen Welt, sich herauszuziehen hat aus dem Erdenleben. Es stellt sich heraus fur die geistige Beobachtung : So lange man gebraucht hat, um nach dem vorigen geistigen Leben, nachdem man durch Empfang- nis und Geburt gegangen ist, seinen Leib gleichsam mit den aufwarts- strebenden Kraften aufzubauen, bis in die Mitte der Zwanzigerjahre
hinein, also so lange man gebraucht hat, um das Leben mit den kor- perlichen, organisch-fruchtbaren Kraften zu durchsetzen, es zu dur ch- setzen mit den Kraften, die im Leben begehren, genieBen, ungefahr so lange dauert audi die Zeit, durch die man sich wiederum heraus- finden muB aus dem letzten Erdenleben. So daB man, wenn man also sagen wir, zwolf Jahre alt wird, vielleicht nur fiinf Jahre braucht, um herauszukommen aus dem letzten Erdenleben, oder sieben Jahre; wenn man aber, sagen wir, fiinfzig Jahre alt geworden ist, so tragen die Jahre nach der Mitte der Zwanzigerjahre nichts mehr Sonderliches bei an der Verlangerung der jetzt genannten Periode.
Von dieser Periode muB gesagt werden, daB in ihr schon in einer ge- wissen Weise das eintritt, was man nennen kann : Der Mensch nimmt wahr geistige Vorgange und geistige Wesen in seiner Umgebung. Ich habe ja schon vorgestern angedeutet, daB, wenn der Geistesforscher in seinem Geistig-Seelischen sich erlebt, er in einer wirklichen geisti- gen Welt darinnen ist. In diese geistige Welt zieht ja der Tote ein; aber er ist zunachst so beschaftigt mit seinen Zusammenhangen mit seiner vorhergehenden Welt, in der Weise, wie wir es vorher bespro- chen haben, daB er nur auf dem Umwege durch sein fruheres Leben einen Zusammenhang gewinnen kann mit dem, was in seiner geisti- gen Umgebung ist. Um ein Beispiel zu sagen: Nehmen wir an, je- mand ist durch die Pforte des Todes gegangen. Die Riickschau ist voriiber. Er lebt in dieser Zeit des Sich-HerausreiBens aus den Zu- sammenhangen mit dem vorhergehenden Erdenleben. Jemand, den er geliebt hat, ist noch im physischen Leibe. Derjenige, der noch in die- sem Stadium des Erlebens ist, von dem wir eben sprechen, kann nicht unmittelbar auf die Seele hinschauen, die noch auf der Erde ist; aber es bildet sich gleichsam eine Art von Umschaltung : Im letzten Erden- leben haben wir den Menschen geliebt, der zuruckgeblieben ist; auf das Liebesgefiihl blicken wir, wenn wir in dem Stadium sind, das wir jetzt besprechen. Die Gefuhle sind unsere AuBenwelt. Indem wir auf sie hinblicken, finden wir den Weg zu der Seele, die noch auf der Erde ist. Ebenso mussen wir iiber das Gefiihl den Weg finden auch zu einer Seele, die schon durch die Pforte des Todes gegangen ist. So kann man sagen: Der Mensch lebt mit den Menschenseelen als
Seele nach dem Tode, aber zunachst auf dem Umweg durch sein eige- nes Leben.
Aber immer mehr und mehr entwickelt sich im Menschen eine Kraft, eine seelische Kraft, die wiedenam nur der Geistesforscher kennt, wenn er sich geistig-seelisch auBer dem Leibe erlebt. Fur diese ist nun schon gar kein Ausdruck mehr da. Fur die andere Kraft kann man wenigstens noch sagen: «Wollendes Fiihlen» oder «Fuhlendes Wollen», weil sie etwas Ahnliches hat mit dem Wollen und dem Fuh- len. Wenn auch das Wollen und Fiihlen objektiviert sind, sie haben doch etwas Ahnliches, die Dinge, die da drauBen in Wollungen und Fiihlungen herumwogen, etwas Ahnliches mit den Gefuhls- und Wil- lensimpulsen, die wir sonst im Leben haben. Das aber, was nunmehr die Seele erlebt, was als eine Kraft in ihr erwacht, je mehr sie sich entfernt in der geschilderten Weise von dem letzten Erdenleben, das kann ich nur bezeichnen mit einem Ausdruck, der ungeschickt klin- gen mag in bezug auf die gewohnliche Sprache, der aber doch be- zeichnend ist; ich kann es nur benennen: kreative seelische Kraft, see- lische Schopferkraft. Es ist etwas, was die Seele jetzt unmittelbar er- lebt. DaB man in eine Aktivitat iibergeht, das erlebt die Seele vollig; aber zugleich, daB diese Schopferkraft wirklich sich entwickelt, wirk- lich von der Seele ausstrahlt in die Umgebung und - wiederum ist es ungeschickt, aber es muB eben, damit man sich verstandlich machen kann, dieser Ausdruck gebraucht werden - es ist diese Kraft etwas, was in die Umgebung wie ein geistiges Licht ausstrahlt, was die gei- stigen Vorgange und Wesen ringsherum beleuchtet, so daB wir sie sehen; wie, wenn die Sonne aufgeht, wir durch die Sonne die aufieren Gegenstande sehen, so sehen wir durch die eigene innere Leuchte- kraft, die sich hinergieBt, die geistigen Vorgange und Wesenheiten. Jetzt tritt die Zeit ein, wo die Seele in dem MaBe in der geistigen Umgebung ist, als in ihr diese kreative Kraft erwacht, diese Welt zu beleuchten. Und hier haben die Religionen keinen unbedeutsamen Ausdruck gebraucht, wenn sie sagen, urn das Leben nach dem Tode zu bezeichnen: Dieses Sich-Fuhlen in der schopferischen Kraft, dieses Sich-Einleben in eine geistige Umgebung, die dadurch sichtbar wird, daB man seine eigene Schopferkraft hineinsendet, dieses Sich-Erleben
in dem AusgieBen des Lichtes ist ein Gefiihl von Seligkeit. Selbst die Schmerzen werden so als Seligkeiten erlebt in dieser Welt. Da erlebt die Seele nun ihr weiteres Leben.
Nun handelt es sich darum, daB die Seele nur in abwechselnden Zu- standen dieses Erleben durchmachen kann, das eben beschrieben wor- den ist. - Ich komme dabei allerdings in Gebiete, die fur ein ge- wohnliches Leben ganz im Phantastischen schwimmen; aber nach den vorbereitenden Mitteilungen, die nun gegeben sind, darf ich auch diese Dinge auseinandersetzen; denn klar muB man sein, daB der Gei- stesforscher niemals anderes behaupten wird, als daB nur dann ihm solche Dinge aufgehen konnen, wenn er auBerleiblich erlebt. - Die Seele erlebt also Wechselzustande. Nicht immer ist sie in dem Zu- stand, daB sie ihre geistige Leuchtekraft seelisch ausstrahlt iiber die Umgebung, so daB Menschenseelen und andere Wesenheiten nun um sie herum sind und geistige Vorgange von ihr erlebt werden. Nicht immer ist es so, daB die Seele also in der auBeren geistigen Welt lebt, sondern dieser Zustand muB abwechseln mit dem Zustand, dafi die Seele dieses Ausstrahlen der geistigen Leuchtekraft gleichsam sich herabdumpfen fiihlt. Die Seele wird innerlich stumpf, sie kann nicht mehr hinstrahlen ihr Licht auf die Umgebung, sie muB in sich selber zusammennehmen ihr ganzes Sein. Und jetzt kommt derjenige Mo- ment, wo in der Zwischenzeit zwischen dem Tod und einer neuen Ge- burt die Seele ein vollig einsames Leben lebt. Das dauert lange. Wenn man es vergleichen will mit dem gewohnlichen Leben, so kann man sagen : Wie im gewohnlichen Leben der Mensch abwechseln muB zwischen Schlaf und Wachen, so muB er nach dem Tode abwechseln zwischen einem Leben, das sich ausgieBt in die auBere Welt, und einem Leben der inneren Einsamkeit. Wo hereingenommen ist alles, was man friiher im Zustand der Verbreiterung erlebt hat, wo aber die Seele weiB : Du bist jetzt ganz einsam mit dir. So wie man im Schlafe be- wuBtlos wird, so zieht man sich hier in sich zuriick, wird aber nicht bewuBtlos. Die Seele erlebt ein erstarktes BewuBtsein gerade in diesen Zeiten der Einsamkeit, aber sie erlebt das so, daB sie weifi : Da drau- Ben ist die geistige Welt, du aber bist mit dir allein, alles, was du er- lebst, erlebst du in dir. - Was man in sich erlebt, sind die Nachklange
dessen, was man auBer sich erlebt hat. Nur dadurch kann die innere Leuchtekraft wieder erstarken und aus der Seele wieder heraustreten. Und dann wacht man geistig wiederum auf und erlebt wiederum den anderen Zustand.
Es gehort zu den merkwiirdigsten Erlebnissen, wirklich einmal zu lernen, einen Sinn zu verbinden mit den Worten, daB fur die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt die Seele lebt in geistiger Geselligkeit und Einsamkeit, daB fur dieses Abwechseln der Zustande von geselligem Erleben und Einsamkeit in der geistigen Welt, aller- dings durch viel langere Zeitraume als Tag und Nacht, daB es fur dieses Nach-dem-Tode-Erleben etwas ahnliches bedeutet wie Schlafen und Wachen fur das physische Erleben. Ich habe diese Verhaltnisse angedeutet in meinem vorletzten Buche: «Die Schwelle der geistigen Welt.» Aber die Seele erlebt so, indem sie weiterlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, allmahlich ein Herabdumpfen, ein Ver- glimmen ihrer Leuchtekraft. Man mochte sagen : Die Erlebnisse der inneren Einsamkeit werden immer starker und starker. Sie werden allmahlich so, daB der Mensch innerlich eine ganze Welt erlebt, man mochte sagen einen ganzen Kosmos. Wahrhaftig, so wird sie, daB be- rechtigt ist zu sagen: den Menschen iiberkommt etwas wie das Gefuhl der Furcht vor sich selbst, wenn er entdeckt, was da alles unten ist in den Untergriinden der Seele, und was jetzt herauskommt ungefahr in der Mitte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Und dann kommt die Zeit heran, die ich versuchte darzustellen in meinem vierten Mysteriendrama : «Der Seelen Erwachen», ich suchte sie darzustellen, diese Zeit, wo der Mensch nur mehr vermag inner- liche Erlebnisse zu haben ; wo die Nachte der Einsamkeit immer lan- ger und langer werden; wo der Mensch nicht mehr aufwachen kann geistig zu einem Bewufitsein, in dem er seine Leuchtekraft rings- herum ausstrahlt. Ich habe versucht auszudnicken das, was dann der Mensch erlebt, mit einem symbolischen Ausdruck, mit dem Ausdruck : Die Mitternacht des geistigen Daseins zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es ist die Zeit, in der der Mensch alles, was in den Tiefen seiner Seele ist, als seine Welt erlebt, wo er nur weiB : Jenseits der Ufer deiner Seele sind die geistigen Welten, in denen alles das ist,
was es von geistigen Wesen gibt, in denen alle Menschenseelen sind, die entkorpert oder auch verkorpert sind, und in denen alle andeiren Wesen sind; aber man weiB es nur, weil man die Nachklange davon in sich hat. Und jetzt entsteht etwas in der Seele, was wieder nicht mit einem gewohnlichen Wort bezeichnet werden kann. Nicht wahr, die gewohnliche Sprache hat das Wort «Sehnsucht» fur das Passivste in der Seele. Wenn wir sehnsiichtig sind im physischen Erleben, so sind wir am passivsten. Wir ersehnen etwas, wir begehren etwas, was wir nicht haben - und die Sehnsucht kann das gewiB nicht hervor- bringen, was wir ersehnen. Wir konnen uns nur passiv verhalten. Aber die Seelenkrafte gewinnen einen ganz anderen Charakter, wenn die Seele auBerhalb des Leibes ist. Aus der Tiefe der Einsamkeit heraus, aus dem, was die Seele in der geschilderten Weise in der Welten- mitternacht des Geistes erlebt, bildet sich die Sehnsucht, wiederum in die Welt sich hmeinzuleben, aus der man in seiner Einsamkeit her- ausgerissen ist. Und die Sehnsucht wird jetzt aktiv, und aus ihr wird etwas, was geistig real ist, eine organisierende Kraft. Sie wird wirk- lich eine neue Wahrnehmungskraft. Diese geistige Sehnsucht gebiert eine neue Seelenkraft, wiederum eine solche Kraft, die nun eine auBere Welt wahrnehmen kann, aber eine Welt, die zugleich eine auBere und eine innere ist: eine auBere, weil sie wirklich auBerhalb unseres Wesens da ist; eine innere, weil wir auf sie schauen als diejenige Welt, die wir im vorhergehenden Leben durchlebt haben, die Welt unserer frii- heren Erdenverkorperung. Das wird jetzt aus unserer Sehnsucht her- aus unsere AuBenwelt. Wir schauen hin auf all das, was unerledigt geblieben ist im vorigen Leben, und in uns zimmert die Sehnsucht Krafte, um Ausgleich zu schaffen fur das, was die Seele im vorher- gehenden Erdenleben Schlechtes, Tdrichtes, Boses, HaBliches getan hat, um Ausgleich zu schaffen dafur in einem neuen Leben.
Das ist die Zeit, in der jeder Mensch zuriickblicken kann auf seine friiheren Erdenleben, die Zeit, wo wirklich zwischen dem Tod und einer neuen Geburt dem Menschen vor Augen stehen - vor dem gei- stigen Auge stehen - all die Taten seiner friiheren Leben, und in ihm erwacht die Tendenz, in einem neuen Erdenleben solche Ausgleiche zu schaffen, daB die neuen Erdenerlebnisse ausleben und gutmachen,
was in friiheren Erdenleben erlebt worden ist. Ich habe schon Men- schen kennengelernt, die sagten, sie haben mit dem einen Leben ge- nug; sogar einen Menschen, der nahe daran war, etwas Verniinftiges an diesen wiederholten Erdenleben zu finden -, dann hat er mir aber von der nachsten Eisenbahnstation aus eine Karte geschrieben, daJ3 er doch nichts wissen wolle von einem nachsten Erdenleben. Aber dar- auf kommt es nicht an, daB wir uns von diesen wiederholten Erden- leben eine Vorstellung bilden konnen, sondern darauf, daB jede Seele in der Lage, die jetzt beschrieben worden ist, auf ihre friiheren Erden- leben zuriickblickt und zugleich die Tendenz in sich aufnimmt, ein neues Erdenleben zu erleben, das Ausgleich ist fur die friiheren Erden- leben. Und man erlebt weiter, daB es Menschen gibt, denen man man- ches schuldig geworden ist, oder die einem etwas schuldig wurden : das tritt vor die Seele hin als Erganzung zum eigenen Erdenleben. Und die Tendenz tritt auf, wiederum mit den Menschen zusammenzuleben, denen man etwas schuldig geworden ist, um auszugleichen, was man schuldig geworden ist. Und in anderen Menschen tritt die gleiche Ten- denz auf. Dadurch treten Krafte auf in verschiedenen Menschen, die friiher zu gleicher Zeit gelebt haben ; da werden geistige Krafte erregt, welche zur Erde hinunter tendieren. Dadurch kommt es, daB in dem neuen Erdenleben solche Menschen zusammenkommen, die friiher bei- sammen gewesen waren. Es muB sich ausgleichen, was sich diese See- len schuldig geblieben sind. Wie gesagt, die Tendenzen treten da zu- sammen. Und dann erlebt man immer weiter und weiter dieses geistige Leben zwischenTod und neuer Geburt : immer mehr und mehr pragen sich ein, kraften sich ein die Tendenzen, von denen gesprochen wor- den ist. Sie werden lebendige Tendenzen. Und der Mensch schafft sich aus dem, was er also erfahren hat iiber friihere Erdenleben, das Urbild, das geistige Urbild des neuen Erdenlebens.
Das schafft er nun selbst, indem die Zeit weiterriickt ; da schafft er nun selbst, was sich verbindet mit der materiellen Substanz, die von Vater und Mutter gegeben wird, um in ein neues Erdenleben einzu- treten. Und je nachdem die vererbten Eigenschaften von Vater und Mutter in der materiellen Substanz sein konnen und verwandt sind mit dem geistigen Urbild, wird das geistige Urbild hingezogen zu dem
Materiellen vor der Empfangnis. So daB man sagen kann : Die Wahl- verwandtschaft zwischen den ererbten Eigenschaften und dem Urbild, die entscheidet, zu welchem Elternpaar die Seele sich wie magnetisch hingezogen fiihlt, in welches Leben man sich hineinfindet. Dadurch kommt det Mensch wiederum zur Etde zuriick, vereinigt sich wieder- um mit einem irdischen Leibe. Und die Geistesforschung kann nun sehen, was im Kinde, man mochte sagen, auf so mysteriose Weise - wer ein Kindesleben zu beobachten versteht, wird sehen, es ist so - sich herausbildet, indem von innen heraus die ausdrucksvollen Mie- nen allmahlich treten, indem die geschickten Bewegungen aus den ungeschickten sich entwickeln, indem das, was so ersichtlich aus dem Inneren arbeitet, den Korper modelliert und plastiziert; in all dem schaut der Geistesforscher dasjenige, was die Erlebnisse zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchgemacht hat, von denen jetzt die Rede war, wie es sich da immer mehr und mehr mit dem Leib verbindet - das schaut der Geistesforscher. Nunmehr sieht er ein, warum zunachst keine Erinnerungen an diese Erlebnisse vor der Ge- burt vorhanden sein konnen : Die Krafte, die zu Erinnerungskraften werden konnten, die werden aufgebraucht, um den Leib zu organi- sieren. Das Kind wiirde sich erirmern an alles Friihere, denn es hat diese Krafte; aber die Krafte werden umgewandelt; ebenso wie die Druckkrafte, die ich entwickle, wenn ich uber den Tisch fahre mit dem Finger, sich in Warme verwandeln, so verwandeln sich diese Erinnerungskrafte in organisierende Krafte. Was das Kind innerlich durchorganisiert, was das Gehirn plastisch macht, so daB das Kind spater denken kann, daB es im physischen Leibe Erinnerungskrafte entwickeln kann: das ist umgewandelte, riickschauende Kraft; das verschwindet in dieser Gestalt, in der es die Riickschau entwickeln kann, und durchorganisiert den Leib. Und das Geistige, das den Leib durchorganisiert, das ist das umgewandelte Seelische, das ist hineingeflossen in den Leib. Und so begreifen wir das Leben, in dem wir gerade stehen, indem wir verstehen, was auBerhalb des Lebens jenseits des Todes vorging. Was da wirkt im Menschen im irdischen Leben, hat sich seine Krafte angeeignet zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die Krafte, die da rein geistig zutage treten, das sind
die Erinnerungskrafte, die sich umgewandelt haben, die in den Leib hineinfliefien und ihn durchorganisieren.
Die Naturforscher werden einmal darauf kommen, wie die Krafte, die rein in der Vererbung liegen, auch im Menschen eine Erschop- fung erfahren in der Zeit, wo die Vererbungsfahigkeit auftritt. Ge- wisse niedere Tiere sterben zugleich, indem sie zur Geburt eines ande- ren Wesens reif werden; das, was der Mensch an Kraften entwickeln muB, urn physische Nachkommen zu haben und auf sie etwas zu ver- erben, das rnuB mit seiner Geschlechtsreife abgeschlossen sein; das kann ich nur andeuten. Dariiber werden die Naturwissenschaft und die Geisteswissenschaft zusammen wichtige Aufschliisse geben konnen. Aber in all dem, was da als physische Krafte im Menschen wirkt, wirkt Geistiges. Die geistigen Krafte sind es, die sich im physischen Leibe betatigen so, daB sie diesen physischen Leib durchdringen. Der phy- sische Leib ist gleichsam die Spiegelung des Geistigen. Und im Grunde genommen sind es eigentlich Zerstorungsprozesse, die die vorhin er- wahnte Spiegelung bewirken. Immer sind es Zerstorungsprozesse, wenn wir Farben sehen, wenn wir Tone horen; auch wenn wir Er- innerungsvorstellungen bilden, machen wir Zerstorungsprozesse in uns. Darauf beruht die Notwendigkeit zu schlafen, damit der Mensch die Zerstorungsprozesse nicht allein wirken laBt.
So leben wir, indem wir unseren Leib durchdringen und durch- kraften mit den Kraften, die wir auBerhalb des Leibes erwerben, und das Leben begreift sich nur, wenn wir das im Leben tatige Geistig- Seelische ins Auge fassen. Geisteswissenschaft hat es nicht so gut wie andere, daB sie von dem Tode bei Pflanzen und Tieren in der gleichen Weise sprechen kann wie bei dem Menschen. Was ich jetzt gesagt habe, gilt nur fur den Menschen. Auf diese Weise erweitert die Gei- stesforschung den Blick iiber das hinaus, was zwischen der Geburt und dem Tode liegt. Ja, auch Einzelheiten werden der Geistesfor- schung erklarbar. Ich kann mir sehr gut denken, daB diejenigen der verehrten Zuhorer, welche ein wenig etwas iibrig haben fiir diese Ergebnisse der Geistesforschung, gerne iiber Einzelheiten horen wol- len ; aber ich kann nur einzelne Beispiele anfiihren.
Zunachst sei ein Beispiel angefiihrt, das insbesondere den Geistes-
forscher selber, trotzdem es paradox klingt, wie ein rechtes Mysterium des Lebens anmuten kann. Das ist das Dasein verbrecherischer Natu- ren. Nicht wahr, die Geistesforschung steht durchaus nicht auf dem Standpunkte, daB Verbrecher nur Mitleid verdienten, nicht bestraft werden sollten. Es obliegt nicht dem Geistesforscher, sich in die auBeren Angelegenheiten der Welt einzumischen; aber verstehen das, was im Menschenleben uns entgegentritt, das will der Geistesforscher, und er will es aus den Tiefen der geistigen Welt heraus. Da fragen wir uns : Wie Hegt es denn mit einem Leben, das sich verbrecherisch offenbart? Nun, leicht sind die Dinge gesagt, aber die Antworten auf solche Fragen muB sich der Geistesforscher erst abringen, und ab- ringen muB er sich im Grunde genommen auch, iiber diese Dinge zu sprechen, weil sie gar so paradox erscheinen fur das Vorstellungsleben der Gegenwart. Wenn der Verbrecher angeschaut wird, hellseherisch, so stellt sich heraus, dafi verbrecherische Naturen eine Art geistiger Friihgeburten sind. Es gibt fur jede Seele eine MogHchkeit, herunter- zukommen aus den geistigen Welten, sich mit der physischen Mate- rialitat zu verbinden, die gewissermaBen die normale ist; aber die Tendenzen, die zu diesem Normalen hinfiihren, kreuzen sich mit ande- ren Tendenzen, so daB die meisten Menschen - aber Verbrecher be- sonders stark - viel friiher ins Erdenleben heruntergehen, als es nor- malerweise geschehen sollte. Das stellt sich sonderbarerweise heraus. Nun hat das etwas anderes im Gefolge. So richtig sich durchdringen mit der ganzen Leiblichkeit, daB man in der Leiblichkeit der Erde steht als ein Vollmensch, das kann man nur, wenn man wenigstens annahernd zu dem normalen Zeitpunkt sich wieder verkorpert. Aber wenn Grunde vorliegen durch vorhergehende Erdenleben, friiher her- unterzukommen auf die Erde, so nimmt man etwas mit, was im Unter- bewuBtsein lebt, wovon man gar kein BewuBtsein hat. Es lebt namlich in den Tiefen der Seele etwas, was wie ein Leichtnehmen des Erden- lebens ist, weil man nicht zu dem Zeitpunkt heruntergekommen ist, wo man sich am vollkommensten hatte verbinden konnen mit dem Physischen. So verbindet man sich nur oberflachlich. Aber man weiB nichts davon. Das wird eine innere Seelenstimmung ; das Leben nicht voll zu nehmen. Und so kann es sein, daB man in seinem gewohn-
lichen OberbewuBtsein sogar einen abnorm entwickelten Selbsterhal- tungstrieb hat, so daB man mit Feindschaft der sozialen Welt gegen- iibersteht, den starksten Egoismus entfaltet, so daB man Verbrecher wird - und dennoch in seiner inneren Natur, die man nicht kennt, ein gewisses Oberflachlichnehmen, ein Leichtnehmen des Lebens hat, keinen Wert legen will auf dieses Leben. Das ist durch eine geistige Friihgeburt bewirkt. Wenn das der Fall ist, dann tritt dieses Leben auch so ins Dasein, daB der Mensch den uberhandnehmenden Selbst- erhaltungstrieb anfeuern kann durch das, was er nicht kennt, was ein Leichtnehmen des Lebens ist, und das sieht man aufsprieBen in Ver- brecherseelen. Erst als ich wuBte, daB dies so ist, wurde mir ein ande- res klar. Es gibt ein Lexikon der Gaunersprache. Man versteht inner- lich die eigentumliche Art der Verbrechersprache, dieses Leichtneh- men des Lebens in den Worten, die ja aus dem UnterbewuBten der Seele herauskommen -, das versteht man erst, wenn man kennt, was oben jetzt angedeutet worden ist. Es muB aber immer wieder darauf hingedeutet werden, daB in der Gesamtheit der menschlichen Erden- leben sich das wiederum ausgleicht, was ein Erdenleben verbricht, so daB der Verbrecher gerade durch das, was er als Folge seiner Ver- brechertaten zu erleben hat, zu anderen Erdenleben aufsteigt, in denen ein Ausgleich eintritt.
Aber auch anderes wird verstandlich, wenn wir mit Geistesfor- schung die Mysterien des Lebens betrachten. Da sehen wir Menschen, welche meinetwillen durch ein Ungliick hinweggerafft werden. Merk- wiirdigerweise stellt sich heraus, daB bei Menschen, die durch ein Ungliick hinweggerafft werden in der Zeit, in der sie sonst die Erde noch nicht zu verlassen hatten, also in einer Zeit, iiber die die irdisch- physischen Krafte herausragen; wenn zum Beispiel jemand im fiinf- unddreiBigsten Lebensjahre von einer Lokomotive uberfahren wird, ohne daB er den Tod sucht, so stecken noch die Krafte in seinem Leibe, die noch hatten wirken konnen. Indem man hinausgeht aus der physischen Welt, gehen diese Krafte nicht in Nichts iiber, sondern man sieht, wie das Seelisch-Geistige, die Intelligenzkrafte, die Krafte des genaueren Denkens sich gerade durch einen solchen Ungliicksfall verstarken konnen, so daB ein solcher Mensch mit starkeren Intelli-
genzkraften wiedergeboren werden kann als ein anderer , der eines na- turHchen Todes stirbt. Man muB sich schon damit bekanntmachen, daB Geistesforschung, indem sie das Leben von einem grofien Hori- zont iiberbHckt, iiber manches anders reden muB, als man im gewohn- Hchen Leben redet. Jemand, der in friiherer Zeit des Erdenlebens stirbt, sagen wir, durch eine Krankheit, der vieles durchmacht durch diese Krankheit, der bereitet durch dieses Kranksein seine Seele so, daB seine Willenskrafte verstarkt werden konnen. Friihzeitiges Ster- ben durch Krankheit verstarkt die Willenskraft.
Ja, es mag schon manches erscheinen wie reine Phantasterei; aber ich bin mir auch bewufit - das darf ich wohl einflechten -, daB ich eine gewisse Verantwortung habe, wenn ich diese Dinge bespreche, und dafi ich sie nicht besprechen wiirde, wenn ich nicht die Mittel der Geistesforschung kennte, mit denen diese Dinge mit ebensolcher GewiBheit gewuBt werden konnen wie die Dinge der AuBenwelt ge- wuBt werden konnen. Ich wiirde es als die groBte FrivoHtat empfin- den, wenn diese Dinge gesagt wiirden, ohne daB in der Seele ein Wissen Hegt, das von einer solchen Stimmung durchdrungen ist, wie sie eben angedeutet worden ist.
So wird das Leben des Menschen gerade verstandlich durch das, was auBerhalb des physischen Lebens Hegt; und so wie sich das Leben zwischen Geburt und Tod entwickelt, ist es ein Ergebnis des Lebens, das jenseits von Geburt und Tod Hegt. Fur manchen mag das erschei- nen wie eine Entwertung des Lebens. Damit es den verehrten Zu- horern nicht so erscheint, mochte ich etwas ganz kurz wiederholen. Jemand kann sagen: Da werden wir aufmerksam gemacht, daB das, was wir in einem Erdenleben erleben, wir uns selbst zubereitet haben. Wahr ist es. Aber erleben wir ein Ungliick - wir erleben es, weil wir vorher die Tendenz unserer Seele eingepflanzt haben, in dieses Un- gliick hineinzusteigen. Wie die Alpenpflanze nicht in der Ebene ge- deiht, sondern die Hohe aufsucht, so sucht sich die menschHche Seele die Lage auf, wo ihr das Ungliick widerfahren kann; sie wachst hin- ein in das, was sie als Schicksal erlebt. Wie das Schicksal selbstver- standHch ist, in den Alpen zu leben fur jene Pflanze, so ist es selbst- verstandHch fiir die menschHche Seele, sich ins Ungliick hineinzu-
sturzen, wenn sie in sich die Tendenz aufnimmt durch die Einsicht: nur wenn du dieses Ungliick iiberwindest, kannst du vollkommener werden in einer Beziehung, wo du unvollkommener bleiben miiBtest, wenn dir das Ungliick nicht passierte. Wenn jemand sagt: so werden wir doch zu Schmieden unseres eigenen Ungluckes gemacht; und wenn gesagt wird, daB wir unser Ungliick nicht nur ertragen und er- dulden sollen, sondern es in gewisser Weise uns sogar iiberirdisch verdient haben: Das kann uns kein Trost werden! - so muB dem- gegeniiber gesagt werden, was ich schon friiher durch einen Ver- gleich klarmachte: Wenn jemand bis zu seinem achtzehnten Lebens- jahre gelebt hat aus der Tasche seines Vaters im UberfluB und ohne etwas gelernt zu haben, und sein Vater wird dann bankerott, dann kann es, von auBen gesehen, ein groBes Ungliick sein, wenn jetzt das Leben ihn hart anlaBt. Und er hat recht, wenn er jetzt das Leben ungliicklich findet. Aber nehmen wir an, er ist fiinfzig Jahre alt ge- worden und sieht sein Leben von einem anderen Gesichtspunkt aus an, dann sagt er sich: Hatte mich das Ungliick nicht getroffen, ich ware nicht geworden, was ich jetzt bin. Fur meinen Vater war es ein Ungliick, fur mich war es ein Entwickelungsferment meines Lebens. - So sind wir auch nicht immer in der Lage, den richtigen Gesichts- punkt zu finden fur ein Ungliick in dem Zeitpunkt, in dem wir es er- leben. Wir stehen vor der Geburt auf einem ganz anderen Gesichts- punkte als nachher: auf demjenigen, daB das erlebt werden muB in einem neuen Leben, was einen Ausgleich schant fur das, was friiher geschehen ist. Da bereiten wir uns das Ungliick, das wir sparer mit Recht selber leidensvoll erdulden, und iiber das wir mit Recht klagen, weil wir es dann nur von dem Gesichtspunkte des physisch-irdischen Erlebens aus betrachten.
Ich mochte noch ein Weniges sagen iiber die Zeit, die vernieBt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Die kurze Zeit der Riick- schau nach dem Tode, die nur nach Tagen dauert, ich habe sie schon angegeben; die Zeit, die nachher kommt, dauert linger, sie dauert nach Jahrzehnten. Der Geistesforscher kommt etwa in der fol- genden Weise darauf, wie lange diese Zeit dauert. Er muB sich fragen zunachst, damit er iiberhaupt die Krafte, um so etwas einzusehen, in
sich entwickeln kann: Was in deiner Seele ist es denn, was dir, wenn du dich auBer dem Leibe erlebst, was dir da so erscheint, daB es in der Seele ist wie etwas, was von ihr durch den Tod getragen werden kann? Und da erlebt man merkwiirdigerweise, daB man etwas aus dem Leibe heraus nimmt, wahrend man sonst alles zuriicklaBt. Die Lei- denschaften, Erinnerungen und so weiter laBt man zuriick als Geistes- forscher, wenn man sich aus dem Leibe heraus begibt; aber mit nimmt man seine t)berwindungen, mit nimmt man das, was man sich erst an- eignen kann in einem Erdenleben, sagen wir, nach den Zwanziger- jahren. Man wird das heute nicht gerne horen, weil heute die Leute auch schon zu dem Hochsten reif gehalten werden vor dem zwanzig- sten Lebensjahre. Das kann man ja sehen in den Zeitungen, iiber und unter dem Strich schreiben ja heute vielfach Menschen, die nicht das zwanzigste Jahr erreicht haben. Aber in Wahrheit ist es doch so : was man so recht durch sich selbst erlebt, so erlebt, daB es wirklich auf- gespeicherte Lebensweisheit wird, das geschieht dadurch, daB man schon etwas erlebt hat und mit einem spateren Erlebnis auf das frii- here zuriickblickt. Dieses innerliche Emporarbeiten durch seine Uber- windungen, dieses innerliche Erleben der Seele ist das, was schon ein Vorkeim ist - so stellt es sich heraus - zu dem, was dann die Seele durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und so mufi in fortwahrendem solchem tjberwinden, im Umwandeln von Kraften die Seele leben. Normalerweise bleibt die Seele so lange in der geistigen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, als sie etwas umzu- wandeln hat. Von der anderen Seite betrachtet, sei folgendes ange- fuhrt: Wir leben uns in eine gewisse Zeit hinein; wir nehmen dies oder jenes auf, erfahren dieses oder jenes, indem wir diesem oder jenem Volksstamme angehoren. Indem wir durch den Tod gegangen sind, haben wir aus dem heraus unsere Lebenserfahrungen gebildet. Aber die Erde verandert sich. Nicht nur daB sich die physischen Ver- haltnisse andern. Es mogen nur einmal die verehrten Zuhorer zuriick- denken, wie sich etwa um die Begriindung des Christentums herum die Gegenden hier, wo jetzt Wien liegt, ausgenommen haben. Aber in noch kurzeren Zeitraumen verandert sich das Kulturantlitz der Erde, des geistigen Inhalts unserer Umgebung, woraus wir unsere
Erinnerung, unseren Gedachtnisschatz nehmen. Nun kommt die Seele normalerweise nicht friiher zuriick in ein neues Erdenleben, bis sie in eine vollstandig neue geistige Umgebung treten kann. Das stellt sich heraus, daB nicht ohne Sinn die Seele wiedergeboren wird, sondern so, daB sie Neues erleben kann. Dazu muB sie alles andern, was sie im vor- hergehenden Erdenleben erlebt hat, zum Beispiel die Fahigkeit, sich in einer bestimmten Sprache auszudriicken. Das muB sie umwandeln; sie muB sich andere Sprachfahigkeit aneignen. Das also ist die Zeit - sie dauert nach Jahrhunderten. Sie umfaBt normalerweise etwas wie ein bis eineinhalb Jahrtausende. Aber durch gewisse Verhaltnisse konnen, wie gesagt, geistige Friihgeburten entstehen.
Die Zeit drangt; ich kann mich in der Ausmalung der besonderen Verhaltnisse nicht weiter ergehen. Das mochte ich nur noch sagen, daB derjenige der verehrten Zuhorer, der etwa heimgehen sollte mit dem Gefiihl: Ja, das ist ja alles wirklich nicht zu glauben; wie soli denn der Mensch daruber etwas wissen konnen! - der sei aufmerksam gemacht auf das, was ich schon eingangs erwahnte, daB in der Tat spatere Selbstverstandlichkeiten - Erkenntnisse, die in alle Seelen ein- gedrungen sind - zuerst als paradox der Erdenkultur sich mitteilten. Und derjenige, der heute Geisteswissenschaft pflegen will, muB sich schon damit bekanntmachen, wie begreiflich es ist, daB alsPhantasterei das hingenornmen werden kann, was sich so sicher in die Geister ein- leben wird, wie sich die Kopernikanische Weltanschauung eingepragt hat, nachdem sie zuerst als Phantasterei, als etwas Schadliches sogar von vielen angesehen worden ist. Aber noch einmal darf ich auf das Bild auf- merksam machen, das sich demGeistesforscher und demjenigen, der in dem vorgestern erwahnten Sinn Geisteswissenschaft zu verstehen ver- mag, hinstellt, um ihm das starke BewuBtsein zu geben von der Wahr- heit, die sich allmahlich durchringen wird. Sollte sie sich auch durch- driicken miissen durch die engsten Felsspalten, so daB auf sie drucken die starksten Felsmassen der Vorurteile, sie wird sich doch durchdruk- ken. Erstarken wird das BewuBtsein daran, wenn man hinblickt auf Giordano Bruno; da hat man das Bild vor sich : Er trat vor die Mensch- heit so, daB er jahrhundertealte Vorurteile zerbrach, indem er sagte: Die Menschen haben geglaubt, wenn sie hinaufschauten in den weiten
Raum da oben, breite sich das blaue Himmelsgewolbe aus ; Sonne und Planeten kreisten daran und das blaue Himmelsgewolbe ist eine Wand, eine blaue Wand ! -Damals konnte Giordano Bruno sagen: DieseWand erscheint euch nur deshalb, weil euer Wahrnehmungsvermogen nur bis dahin reicht. Ihr baut euch diese Grenze selber auf; sie ist gar nicht vorhanden. Unendlichkeiten des Raumes breiten sich aus. Und Un- endlichkeiten des Raumes sind erfullt von unendlichen Welten.
Heute muB der Geistesforscher dieser Erweiterung des mensch- lichen Blickes in die Unendlichkeiten des Raumes gedenken, er muB daran denken, wie Giordano Bruno zuerst darauf aufmerksam machte, da6 die Grenzen des Raumes im Himmelsgewolbe nur von der Be- schranktheit des menschlichen Wahrnehmungsvermogens selbst ge- macht sind; er muB hinweisen darauf, daB es auch fur die Zeit des menschlichen Erlebens ein solches Firmament gibt. Indem man mit den physischen Wahrnehmungsorganen und dem Verstand das menschliche Leben iiberschaut, sieht man auf diese Grenzen, die Gren- zen von Geburt und Tod, wie man einmal gesehen hat die Grenze des Raumes im blauen Himmelsgewolbe, die aber in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. So ist auch die Grenze fur die Zeit des menschlichen Erlebens zwischen Geburt, oder sagen wir Empfangnis und Tod nur hingesetzt von der Beschranktheit des menschlichen Anschauungs- vermogens. Und jenseits von Geburt oder Empfangnis und Tod brei- tet sich aus die zeitliche Unendlichkeit und in diese zeitliche Unend- lichkeit sind eingebettet die nach riickwarts und nach vorne verlau- fenden Wiederholungen des menschlichen Erdenlebens und jener Le- ben, die zwischen dem Tod und einer neuen Geburt verflieBen. Das kann ich allerdings nicht ausfuhren, daB die ganzen Wiederholungen einmal einen Anfang genommen haben, daB der Mensch aus dem Geistigen geboren wurde und hier seinen Wohnplatz fand - dazumal ist die Erde selber aus der geistigen Welt heraus entstanden -, und daB der Mensch, nachdem er durch die Erdenwiederholungen ge- gangen ist, wenn die Erde selbst abfallt von den menschlichen Seelen, daB dann der Mensch in ein anderes, wieder vergeistigtes Leben uber- tritt. Das kann nur angedeutet werden, dariiber findet man Genaueres in meiner «Geheimwissenschaft».
Wenn man sich auch in der angedeuteten Weise mit den Erkennt- nissen der Geisteswissenschaft in Widerspruch zu dem Denken der heutigen Zeit befindet, so muB man doch sagen : In den Ahnungen derer, die die Fiihrer der Menschheit waren - ich habe vorgestern in derselben Weise die Betrachtung geschlossen -, findet man dennoch das, was heute in der Geisteswissenschaft wiederum auf lebt. Geistes- wissenschaft, wie sie hier gemeint ist, haben die Menschen nicht ge- habt; denn sie ist ein Kind unserer Zeit, und wird aus der Bildung unserer Zeit entstehen; aber diejenigen, die sich in ihrer Seele ver- bunden wuBten mit dem Geist des Alls, der in alien Menschen wallt und webt, die pragten in die Worte hinein dasjenige, wozu die Geistes- wissenschaft in vollem Sinne Ja sagen kann. Geisteswissenschaft zeigt uns, wie wir das Leben zwischen Geburt und Tod verstehen, indem wir in diesem physischen Leib, im ganzen physischen Leben wirken und weben sehen das, was unsterblich ist, das, was auch in einer gei- stigen Welt leben kann. Geisteswissenschaft zeigt uns, daB wir das Leben /^Leibe haben durch das Leben aufer dem Leibe, so daB niemand das Leben zwischen Geburt und Tod verstehen kann, der nicht das Leben auBerhalb des Leibes, im geistigen Firmament versteht. Das driickt Goe- the mit den Worten aus — ahnend die spateren Erkenntnisse der Geistes- wissenschaft—, mit Worten, die nicht nur Goethes Bekenntnis zu einem unsterblichen Leben klar darlegen, sondern auch ausdriicken, wie er wuB- te, daB der wirkliche Wert im Erkennen des gegenwartigen Lebens, im Erleben des irdischen Daseins davon abhangt, daB man dieses irdische Das ein durchgluht, durchleuchtet, durchwallt weiB von dem, was auBer- irdisch, iiberirdisch, unsterblich ist. Deshalb sei gerade diese Erkenntnis der Geisteswissenschaft, daB eine wahre innere Wesenheit des Sterbli- chen durch das Unsterbliche erkannt wird, wie in einer Empfindung zu- sammengefaBt in die Worte, in denen Goethe seine Uberzeugung einmal ausdriickte: Denen gegeniiber, die sich gar nicht wollen aus der eigentiim- lichen Wesenheit des gegenwartigen Lebens eine Anschauung bilden iiber ein anderes Leben, denen gegeniiber mochte ich mit Goethe sagen: «Ich mochte keineswegs das Gliick entbehren, an eine kiinftige Fortdauer zu glauben; ja, ich mochte mit Lorenzo de Medici sagen, daB alle diejeni- gen auch fur diesesLeben tot sind, die kein anderes ho££e.n.»
INNERES WESEN DES MENSCHEN UND LEBEN ZWISCHEN TOD UND NEUER GEBURT
ERSTER VORTRAG Wien, 9. April 1914
Dieser Vortragszyklus wird das Ziel haben, das menschliche Innen- leben zu schildern im Zusammenhang mit dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, urn zu zeigen, wie innig diese beiden Gebiete des Daseins zusarnmenhangen. Und er wird daneben das Ziel haben, Richtlinien zu entwickeln aus der Erkenntnis des Angedeuteten heraus, die den Menschen wirklich orientieren konnen in manchen schwierigen Lebenslagen, die geeignet sind, in mancher Beziehung einen sicheren Halt des Seelenlebens durch ein gewissermaBen griind- liches Verstandnis dieses Seelenlebens zu geben. Dazu wird notwendig sein, daB Sie sich, meine lieben anthroposophischen Freunde, durch die ersten Vortrage, die ein Fundament, eine Grundlage aufrichten sollen, hindurcharbeiten; sie werden in esoterisch wissenschaftliche Gebiete fuhren, die vielleicht manchem zunachst abgelegen scheinen konnten, weit weg von dem, was das menschliche Gemiit gerne un- mittelbar ergreifen mochte. Aber wenn wir zu dem gelangen werden, worin diese Vortrage eigentlich ihr Ziel erblicken, dann werden Sie sehen, dafi dieses Ziel in einer sicheren Form doch nur zu erreichen ist, wenn man sich zuerst durch die scheinbar endegenen esoterischen Erkenntnisse, die geboten werden sollen, hindurcharbeitet.
Wenn man das menschliche Innenleben zunachst abstraktbetrachtet, so tritt es einem in drei Formen entgegen, auf die wir oftmals auf- merksam gemacht haben: in den Formen des Denkens, des Fiihlens und des Wollens ; aber um dieses Innenleben vollstandig zu betrachten, mu8 man noch ein Viertes dazurechnen. Eigentlich gehoren nicht nur diese drei genannten Gebiete zum Innenleben des Menschen, sondern es gehort auch schon das dazu, was er aus der bloBen Sinnesempfin- dung macht. Wir lassen ja Farben und Tone, Warmeeindrucke und dergleichen nicht nur vor unserem BewuBtsein voruberhuschen, sondern wir fassen diese Eindrucke auf, wir machen sie zu unseren Wahrnehmungen. Und die Tatsache, dafi wir uns an diese Eindrucke erinnern konnen, daB wir sie behalten konnen, daB wir nicht nur
dann wissen : eine Rose ist rot, wenn wir der Rose unmittelbar gegen- iiberstehen, sondern daB wir sozusagen die Rote der Rose mit uns herumtragen konnen, die Farben als eine Erinnerungsvorstellung be- wahren konnen, das bezeugt uns, daB das Empfindungsleben, das Wahrnehmungsleben, durch das wir uns mit der AuBenwelt in Be- riihrung bringen, auch schon zu unserem Innenleben gehort. So daB wir sagen konnen: Zu unserem Innenleben miissen wir zahlen die Wahrnehmung der AuBenwelt, insofern wir sie eben im Wahrnehmen selber verinnerlichen. Ferner miissen wir die Gedankenwelt dazu- zahlen, durch die wir uns zunachst Erkenntrdsse verschaffen von dem Nachstliegenden und in der Wissenschaft von dem Fernerliegenden, durch die wir in einem viel weiteren Sinn noch als durch die Wahr- nehmung die AuBenwelt zu unserer Innenwelt machen. Wir leben ja nicht nur in unseren Wahrnehmungen, wir denken iiber sie nach und haben das BewuBtsein, daB wir durch unser Nachdenken etwas iiber die Geheimnisse des Wahrgenommenen erfahren konnen.
Wir miissen dann zu unserem Innenleben rechnen unsere Gefuhle, und wir sind mit den Gefuhlen sogleich in demjenigen Gebiete des menschlichen Innenlebens, das sozusagen in sich alles einschlieBt, was uns als Menschen selbst mit der Welt in eine der Menschenwiirde entsprechende Beriihrung bringt. DaB wir iiber die Dinge fiihlen konnen, daB wir uns freuen konnen an der Umgebung, das ist ja erst die Grundlage unseres wahren Menschendaseins, in gewisser Bezie- hung auch alles das, was unser Gliick und unser Leid ausmacht. Es spielt sich ja das alles ab in auf und ab wogenden Gefuhlen : Gefuhle, die unser Leben erhohen, in denen wir uns glucklich und zufrieden finden, drangen sich herauf oder heran an uns, erstarken. Andere Gefuhle drangen sich heran durch die Ereignisse des Lebens, durch unser Schicksal, auch durch unser Innenleben, die unser Leid, unseren Schmerz bedeuten. Und indem man das Wort «Gefiihl» ausspricht, deutet man auf das Gebiet hin, das in der Tat eben Gliick und Leid des Menschenlebens einschlieBt.
Wenn man auf das vierte hinweist, auf den Willen, so handelt es sich um etwas, was uns wiederum wertvoll fur die Welt macht, was uns so in die Welt hineinstellt, daB wir nicht nur erkennend, nicht nur
in uns fuhlend fur uns leben, sondern daB wir auf die Welt zuriick- wirken konnen. Was ein Mensch will, wollen kann, und was vom Willen in die Handlungen ausflieBt, das bildet seinen Wert fur die Welt. Wir konnen uns also sagen: Indem wir auf das Gebiet des Willens hinweisen, haben wir es mit jenem Elemente zu tun, das uns den Menschen als ein Glied der Welt zeigt, und es ist unser Innenleben, das da als ein Glied in die Welt einflieBt. Ob es die egoistischen, die sozial feindlichen Affekte und Leidenschaften der verbrecherischen Naturen sind, die in den Willen einflieBen und von da aus Glied der Welt werden zum Verderben der Welt, oder ob es die hohen reinen Ideale sind, die der Idealist herunterholt aus seiner Beriihrung mit einer geistigen Weltenordnung und einflieBen laBt in sein Handeln, einflieBen laBt vielleicht nur in Worte, welche, anfeuemd oder auch Menschenwiirde zeigend, auf die Menschen wirken -, immer haben wir es auf dem Gebiete des Willens mit dem zu tun, was dem Menschen seinen Wert gibt. So daB der ganze Reichtum, den der Mensch eigent- lich als Seelenwesen haben kann, sich ausdriickt, wenn man diese vier Gebiete nennt: Wahrnehmung, Denken, Fiihlen, Wollen.
Fur denjenigen, der nun etwas tiefer eingeht auf eine Betrachtung dieser vier, man mochte sagen inneren Spharen der menschlichen Seelennatur, zeigt sich ein bedeutungsvoller Unterschied zwischen zwei und zwei Gliedern dieser viergliedrigen menschlichen Wesenheit. Aber im gewohnlichen Leben kommt dieser Unterschied eigentlich den Menschen nicht so sehr zum BewuBtsein, er kommt hochstens zum BewuBtsein, wenn wir in der folgenden Weise iiber diese vier Spharen der Menschennatur nachdenken.
Wenn wir von der Wahrnehmung sprechen und iiber sie nachden- ken, so konnen wir die Empfindung haben: mit der Wahrnehmung stehen wir unmittelbar in einer gewissen Beziehung zur AuBenwelt. Wir verinnerlichen durch die Wahrnehmung die AuBenwelt, sie liefert etwas, was dannzuunserem Inneren gehort, wenn wir die Empfindung verarbeiten. Aber wir haben das Gefiihl, wir miissen unsere Empfin- dung so eingerichtet haben, daB sie uns in gewisser Beziehung treue Abbilder der AuBenwelt gibt. Und jede Erkrankung des Wahrneh- mungs-, des Empfindungslebens, jede Erkrankung der Sinne weist
uns ja darauf hin, daB durch eine solche Erkrankung unser Innenleben verarmt, dadurch verarmt, daB wir eben armer werden an dem, was wir von der AuBenwelt in uns hereinbekommen konnen.
Gehen wir von dem Wahrnehmen zum Denken iiber, dann konnen wir gewahr werden, daB wir auch gegeniiber dem Denken die Emp- findung haben: es kann uns nicht geniigen, wenn dieses Denken bloB in sich selber wiihlt und sich in sich ergeht. Die Gedanken haben letzten Endes doch nur einen Wert, wenn sie uns etwas Objektives, auBer uns Befindliches in uns vergegenwartigen, wenn sie AufschluB zu bringen vermogen von etwas, was auBer uns ist. Unser Nach- denken konnte uns nicht befriedigen, wenn wir durch dieses Nach- denken nicht etwas erfahren konnten iiber die AuBenwelt.
Wenn wir aber zu unserem Gefuhle vorschreiten und ein wenig uber dieses Gefiihl nachdenken, dann werden wir finden, daB dieses Gefuhl, oder besser gesagt das Gefiihlsleben, viel inniger zusammen- hangt mit unserem unmittelbaren Innensein als Denken und Wahr- nehmen. Wir haben die Vorstellung, daB wir uns selber, zunachst rein aufierlich, auf dem physischen Plan entwickeln miissen, wenn wir gewisse Feinheiten der AuBenwelt in richtiger Weise empfinden wol- len, fuhlen wollen. Haben wir einen Gedanken und nennen wir den Gedanken wahr, so sagen wir von einem solchen wahren Ge- danken : er muB eigentlich fur alle unsere Mitmenschen gelten, und es muB, wenn wir nur die richtigen Worte finden, den Gedanken auszu- driicken, die Moglichkeit geben, von diesem Gedanken auch andere zu iiberzeugen. Wenn wir einer Naturerscheinung oder aber, sagen wir, einer menschlichen Kunstschopfung gegeniiberstehen und unser Gefuhl daran entwickeln, so wissen wir, daB im Grunde genommen zunachst unsere Menschennatur, so wie sie ist, uns nichts hilft, um gleichsam vollig auszuschopfen, was uns da entgegentreten kann. Es konnte sein, daB wir vollig stumpf bei einer musikalischen oder bei einer malerischen Schopfung bleiben, einfach weil wir unser Gefuhl nicht so erzogen haben, daB wir die Feinheiten wahrnehmen konnen. Und wenn wir diesen Gedankengang verfolgen, dann finden wir, daB dieses Gefiihlsleben etwas sehr Innerliches ist, daB wir es auch so, wie wir es innerlich erleben, nicht gleich in Gedanken iibertragen
konnen auf andere Menschen. Wir sind in unserem Gefiihlsleben unter alien Umstanden in gewissem Sinne allein, aber wir wissen gleichzeitig, daB dieses Gefiihlsleben die Quelle eines ganz besonderen inneren Reichtums, einer inneren Entwickelungstatsache gerade dadurch ist, daB es etwas so Subjektives ist, daB es nicht unmittelbar so ins Objekt hinausfliefien kann, wie es innerlich lebt.
Ein Gleiches miissen wir sagen in bezug auf den Willen. Wie sind wk Menschen doch verschieden in bezug auf das, was wir wollen konnen, auf das, was durch den Willen in unsere Handlungen hinaus- flieBen kann! Nur dadurch kommt ja eigentlich die Mannigfaltigkeit des menschlichen Handelns zustande, daB der eine dies, der andere jenes wollen kann. Wenn wir beim Gefiihl uns freuen konnen, daB wir etwa einen Genossen im Leben finden, der rein innerlich, subjektiv, zu einem ebensolchen Gesichtspunkt des Fiihlens gekommen ist wie wir selbst, der gewisse Feinheiten der AuBenwelt durch sein Gefuhl so verinnerlichen kann, daB ein von uns unabhangiges und doch mit uns zusammenhangendes Verstandnis vorhanden ist, dann fiihlen wir unser Leben gehoben in solcher Genossenschaft. Wir miissen unser Fiihlen jeder allein in uns entwickeln, aber wir konnen Menschen finden, mit denen dieses Fiihlen zusammenklingen kann. Denn obzwar das fiihlende Leben innerlich ist, so ist es doch moglich, daB die Menschen in ihrem Fiihlen zusammenklingen. Zwei Willen, die sich auf ein und dasselbe Objekt richten wiirden, zwei Menschen also, die in demselben Zeitpunkt ein und dasselbe tun wollen, kann es nicht geben. Die Willen konnen nicht in ein einziges Objekt zusammen- flieBen. Die Kurbel selbst, die wir angreifen, durch die wir eine Maschine drehen, sie konnen wir nur allein angreifen. Und selbst wenn der andere uns hilft dabei, so ist der Teil der Arbeit, den wir durch unseren Willen vollbringen, eben die Halfte der ganzen Arbeit, wir machen unsere Halfte, der andere die andere Halfte. Zwei Willens- impulse konnen nicht in einem Objekt zusammen sein. Obzwar wir uns in gemeinsame Welten hineinstellen durch unseren Willen, sind wir gerade durch diesen Willen so in die Welt hineingestellt, daB wir jeder eine einzelne Individuality fur uns sind durch den Willen. So werden wir gerade dadurch hingewiesen darauf, wie der Wille den
ganzen individuellen Wert des Menschen ausmacht, wie der Wille sozusagen von diesem Gesichtspunkt aus das Innerste ist. Wir konnen daraus entnehmen, daB Wahrnehmung und Gedanke mehr auBerlich sind im Innenleben des Menschen, daB Gefiihl und Wille das Tiefste, das eigentlich Innere ausmachen. Aber noch ein anderer Unterschied ergibt sich durch eine ganz auBerliche, exoterische Betrachtungsweise fur diese vier Kreise des menschlichen Seelenlebens.
Wenn wir mit unserem Wahrnehmen der Welt gegeniiberstehen, dann sagen wir uns doch ganz gewiB : Dieses Wahrnehmen vermittelt uns zwar die Welt, aber nur immer von einem einzelnen Gesichtspunkt aus. Wie klein ist der Ausschnitt der Welt, den wir durch unser Wahr- nehmen zu unserem Innenleben machen konnen ! Wir sind abhangig von Ort und Zeit in diesem Wahrnehmen; wir miissen sagen, das wenigste von dem, was wir erahnen in der Welt, kommt durch unsere Wahrnehmung in unser Innenleben herein. - Und gegeniiber unseren Gedanken haben wir das Gefuhl: wenn wir uns auch noch so sehr bemiihen, es kann immer noch weitere Schritte geben, wir konnen immer noch weiter dringen durch unsere Gedanken. - Kurz, wir haben die Empfindung, die Welt liegt da drauBen und du bemachtigst dich nur eines kleinen Stiickes dieser Welt durch dein Wahrnehmen, durch dein Denken.
Anders ist es schon mit dem Fiihlen. Mit dem Fiihlen ist es so, daB man sich sagt: Oh, was alles ware eigentlich an Moglichkeiten des Fiihlens, an Gliicks- und Leidensmoglichkeiten in mir selber! Was konnte ich aus den Tiefen meiner Seele alles herauf holen ! Und wenn ich es herauf holte, wie viel feiner, wie viel hoher wiirde ich fiihlen iiber die Dinge der Welt ! Wahrend man gegeniiber dem Wahrnehmen und Denken die Empfindung hat: da drauBen ist viel in der Welt und nur einen kleinen Teil kann man erleben in dem Wahrnehmen und Denken, muB man dem Fiihlen gegeniiber die Empfindung haben: da unten sind unendliche Tiefen; wiirde ich sie herauf bringen, so wiirde mein Fiihlen reicher und immer reicher werden. Ich kann nur den kleinsten Teil herauf bekommen und in mein wirkliches Fiihlen verwandeln. Wahrend ich also durch mein Wahrnehmen und Denken nur einen kleinen Teil der Welt zu meiner Innenwelt machen kann,
kann ich durch das Fuhlen in die Spharen des wirklichen Erlebens nur einen Teil dessen wirklich zum Dasein bringen, was als Moglich- keiten in mir runt.
Und in viel hoherem MaBe ist das beim Willen der Fall. Ich will nur das eine andeuten. Wie sehr rmissen wir empfinden, daB wir zuriickbleiben mit dem, was wir vollbringen, gegeniiber dem, was wir tun konnten, was in uns veranlagt ist.
So empfinden wir, daB wir durch unser Wahrnehmen und Denken nur einen Teil der AuBenwelt hereinbringen in unser Innenleben, und wir empfinden, daB wir von dem, was da im tiefen Schacht der Seele liegt, nur einen Teil heraufholen konnen durch unser Fuhlen und unser Wollen. Dadurch gliedern sich sozusagen in zwei Partien die vier Kreise unseres Seelenlebens : das Wahrnehmen und Denken auf der einen Seite, das Fuhlen und Wollen auf der anderen Seite.
Ein noch ganz anderes Licht wird auf diese vier Kreise unseres Innenlebens geworfen, wenn wir das, was sich so der Mensch durch Nachdenken exoterisch klarlegen kann, nun esoterisch zu beleuchten versuchen.
Sie wissen, meine lieben Freunde, in der Nacht, wenn der Mensch schlaft, ist in einer gewissen Weise der Zusammenhang zwischen seinem Ich, seinem astralischen Leibe auf der einen Seite und seinem physischen Leibe, seinem Atherleibe auf der anderen Seite, ein anderer als beim Tagwachen. Beim Tagwachen sind, man mochte sagen, in normaler Weise zusammengekoppelt physischer Leib, Atherleib, astralischer Leib und Ich. Dieser Zusammenhang ist beim Schlafe gelockert, so gelockert, daB aus der Sphare der Sinne und aus der Sphare des Denkens, also aus der ganzen Sphare der BewuBtseins- werkzeuge, der astralische Leib und das Ich heraus sind, und daher die Dunkelheit der Nacht sich zunachst iiber das normale BewuBtsein ausbreitet: die Bewufidosigkeit. Wenn nun der Mensch durch seine esoterischen Ubungen seine Seele so erstarkt, daB er in der geistig- seelischen Wesenheit, die in der Nacht bewuBtlos auBerhalb des Leibes ist, erkennend, wahrnehmend, also geistig erkennend und wahrnehmend wird, wenn er das Geistig-Seelische wirklich erlebt als sein Menschliches auBerhalb des Leibes, dann tritt fiir ihn eine neue
Welt auf, eine geistige Umwelt, so wie fur den Menschen eine physi- sche Umwelt vorhanden ist, wenn er sich der Sinne und seines Gehirns bedient, das ja dem Denken dient. Diese geistige Umwelt, die man dann betrachten kann, ist durchaus nicht immer dieselbe. Der Mensch kann sich sozusagen in die Lage des Geistesforschers versetzen zu verschiedenen Zeiten, in verschiedener Weise. Und es wkkt eigentlich immer auf das, was der Mensch geistig sieht, die Absicht mit - aber die nicht eigentlich verstandesmaBige Absicht, sondern die in seinem ganzen Seelenleben mehr unbewuBt instinktiv liegende Absicht — : was er eigentlich erkennen will. Wenn der Mensch zum Beispiel aus seinem Leibe herausgeht, um eine Beziehung zu finden zu einem verstorbenen Menschen, dann wirkt diese Absicht auf sein ganzes geistiges BewuBt- seinsfeld. Er ubersieht gleichsam alles, was nicht zu dieser Absicht gehort. Er steuert, wenn ihm die Sache iiberhaupt gelingt, auf den Toten los und dessen Geschick, um das zu erkennen, was er an dem Toten eben erschauen will. Die iibrige geistige Welt bleibt gleichsam - nun, der Ausdruck ist ungeschickt - unbeachtet, bleibt unaufgehellt, und der Mensch erlebt eben dann nur den Zusammenhang mit dem Toten. So hangt es von seinen Absichten ab, was der Mensch gerade in der geistigen Welt sieht. Daher ist es begreiflich, daB das, was das hellsichtige BewuBtsein beschreibt von dem, was es in der geistigen Welt gesehen hat, in unendlicher Weise verschieden sein kann bei den verschiedenen hellseherischen Individuen. Jeder kann ganz richtig gesehen haben, was er eben sehen muBte nach der Tendenz, die in ihm lag, als er sich mit seinem Seelisch-Geistigen aus dem Physisch-Leib- lichen herausgebracht hatte.
Ich will nun heute, und in diesen Vortragen iiberhaupt, dasjenige schildern, was das hellseherische BewuBtsein sieht, wenn es sich in die geistige Welt begibt mit der Absicht, das menschliche Innenleben zu erkennen, diese vier Seelenkreise des Wahrnehmens, des Denkens, des Fiihlens, des Wollens, um dahinterzukommen, was eigentlich in dieser Menschenseele auf und ab wogt und Gliick und Leid dieser Menschenseele bewirkt.
Nehmen wir also an, ein hellseherisches BewuBtsein hatte es dahin gebracht, mit dem Geistig-Seelischen wirklich aus dem Physisch-Leib-
lichen so herauszukommen, wie das der Mensch sonst nur im bewuBt- losen Zustande im Schlafe tut, und er vollzieht dieses Herausbewegen mit der entschiedenen Tendenz, mit dem Impuls, des Menschen Innenleben erkennenzulernen, sich entgegentreten zu fuhlen das menschliche Innenleben, dann wird sich ihm das ergeben, was ich zu schildern versuchen werde.
Das nachste, was da dem hellseherischen BewuBtsein entgegentritt, ist eigentlich eine vollstandige Umkehrung alles Weltanschauens. So- lange wir im Leibe sind, schauen wir mit den Sinnen um uns herum, denken mit unserem Verstande. Wir schauen eine Welt von Bergen, Fliissen, Wolken, Sternen und so weiter um uns herum, und an einem Punkte dieser Welt erblicken wir uns dann selber, man mochte sagen als etwas Kleinstes gegeniiber dieser groBen Welt. Indem das hell- seherische BewuBtsein aufier dem Leibe zu wirken beginnt, kehrt sich dieses Verhaltnis geradezu um. Die Welt, die sich sonst ausbreitet vor unseren Sinnen, iiber die wir nachdenken mit unserem an das Gehirn gebundenen Verstand, diese Welt, sie entschwindet der Anschauung, der Wahrnehmung. Sie gibt auch keine Gedanken her, wenn man so sagen will. Aber man fuhlt sich wie in diese Welt ausgegossen, man fuhlt wirklich, wenn man aus seinem Leibe herausgekommen ist, so, daB dieses Erfiihlen in der richtigen Weise ausgesprochen ist, wenn man sagt: Die Welt, die du friiher angeschaut hast, in die bist du nun ausgegossen, in der bist du darinnen. Du erfullst bis zu einer gewissen Grenze den ganzen Raum, und du webst selber in der Zeit.
Es ist das eine Empfindung, an die man sich erst gewohnen muB. Es ist eine Empfindung, die man auch so ausdriicken kann, daB man sagt: Was friiher AuBenwelt war, ist jetzt Innenwelt geworden. Nicht als ob man diese friihere AuBenwelt jetzt im Inneren triige, aber das Gefiihl, die Empfindung ist da: Innenwelt ist es geworden. Du lebst in dem Raum, in dem friiher deine Sinneswahrnehmungen ausgebreitet waren, iiber dessen Dinge und Vorgange du dachtest, da lebst du darinnen. - Und das kleine Wesen, das gleichsam im Mittelpunkt des Sinneshorizontes gestanden hat, der Mensch, das wird, wenn man in einer gewissen Weise das hellseherische BewuBtsein entwickelt,
eigentlich jetzt die Welt. Auf die schauen wir so hin, wie wir friiher hingeschaut haben auf die ganze im Raum ausgebreitete und in der Zeit verlaufende AuBenwelt. Wir sind uns gewissermaBen Welt ge- worden.
Denken Sie nur, meine lieben Freunde, was das fur ein Umkehren des menschlichen Welt-Erschauens ist, wenn das, was friiher so gar nicht Welt war, wozu man Ich gesagt hat, wenn das da drauBen eigent- lich jetzt die Welt ist, auf die alles hintendiert. Es ist, wie wenn man von alien Punkten des Raumes nach einem einzigen Mittelpunkte schauen wurde - und da sieht man sich selber. Es ist, wie wenn man in der Zeit vor- und riickwarts schwimmen wiirde - und an einem Punkte in einer Woge dieses Zeitstromes findet man sich selber. Man ist sich selbst die Welt geworden.
Das ist der erste Eindruck, wenn man, ich sage es ausdrucklich noch einmal, mit dieser Tendenz, das menschliche Innenleben kennen- zulernen, das hellseherische Bewufitsein entfaltet. Dann ist dieses der erste Eindruck. Merkwiirdig: Man geht aus dem Leibe heraus mit der Tendenz, das menschliche Innenleben kennenzulernen, und das erste, was einem entgegentritt, ist die menschliche Gestalt selber. Aber wie verandert ist diese menschliche Gestalt! Man kann das nicht oft genug sagen : Man muB mit der Absicht, das menschliche Innenleben kennenzulernen, herausgehen aus dem Leibe. Dann tritt das alles ein, was ich jetzt sagen werde. Es braucht deshalb beim Hellsehend- werden natiirlich nicht immer einzutreten.
Diese Menschengestalt, wie anders stellt sie sich dar! Man weiB, das, worauf man hinschaut, das, was man da schaut, das bist du. Ja, du bist es, du, der du dich friiher von innen erfiihlt hast in deiner Haut, in deinem Blut, du stehst drauBen. - Aber man sieht eigentlich von dem, was da steht, zunachst nur, man mochte sagen, die auBere Gestalt, jedoch verwandelt. Die Augen, das, was Auge war, leuchtet gewissermaBen wie zwei Sonnen, aber innerliche, in Lichtglanz vibrierende Sonnen, funkelnde, auffunkelnde und im Funkeln ab- damrnernde Sonnen, die strahliges Licht verbreiten. So erscheinen an der verwandelten Menschengestalt die Augen. Die Ohren beginnen in einer gewissen Weise zu tonen; das, was man in der physischen
Welt von den Ohren sieht, sieht man ja nicht, aber man fiihlt ein gewisses Tonen. Die ganze Haut erstrahlt in einer Art von Strahlen, die man mehr erfuhlt, als daB man sie erschauen konnte. Kurz, die menschliche Gestalt erscheint einem wie ein Leuchtendes, Tonendes, Magnetisch-Elektrisches, Strahlungen Aussendendes. Aber die Aus- driicke sind natiirlich ungeschickt, weil sie eben der physischen Welt entnommen sind.
So stent die Welt vor uns. Und das ist nun unsere Welt in dem geschilderten Anfang des hellseherischen Erlebens: der lichterglan- zende Mensch, die ganze Haut in einem fuhlbaren Erglanzen, schaubar die Augen, hbrbar die Ohren! Und jetzt weiB man, wenn man diesen Eindruck hat: Du hast von auBerhalb des Leibes deinen Leib, deinen physischen Leib geschaut. Man weiB : vom Gesichtspunkt des Geistes aus gesehen ist der physische Leib so.
Wenn man dann versucht eine innere Tatigkek auszuiiben da drauBen, aber auBer dem Leibe, die sich vergleichen laBt mit dem Nachdenken - aber es ist eben etwas anderes als das gewohnliche Denken, es ist ein Entfalten einer inneren schopferischen Seelenkraft wenn man die entwickelt, so sieht man in diesem Leuchtewesen da drinnen mehr: man sieht da drinnen bewegende Krafte, die, man mochte sagen, wie eine Art von Kraftzirkulation diese Leuchtegestalt durchsetzen. Und jetzt weiB man: Das, was du da drinnen wie eine Art EinschluB in deinem Leuchteleib erschaust, das ist dein Gedanken- leben von auBen gesehen. Man kann es nun erkennen als einen Teil des Atherleibes, den man eben sieht. Man sieht den Atherleib als das webende Gedankenleben. Es ist wie ein Zirkulieren von dunklen Wellen, eine geistige Blutzirkulation konnte man sagen, dunkle Wellen in dem Leuchteleib, die dem Ganzen ein eigentiimliches An- sehen geben und die einem eben die Erkenntnis aufdrangen: Da wellt und wallt in deinem physischen Leib der Atherleib drinnen, den du jetzt von auBen anschaust, der dir jetzt sichtbar wird:
Sehen Sie, so erlangt man, auBerhalb seines Leibes stehend, die Erkenntnis, daB es wirklich den physischen Leib und den Atherleib gibt, und wie sie aussehen, von auBen gesehen.
Nun kann aber das innerliche Erkraften noch weitergehen. Wiirde
man namlich nur das erschauen, was ich jetzt angefuhrt habe, dann wiirde man sich eigentiimlich vorkommen in der geistigen Welt. Man wiirde sich dann so vorkommen wie ein Wesen, das auf dem physi- schen Plane zwar die Eindriicke der AuBenwelt empfangen kann, aber innerlich ganz gefiihlsleer ware, das gar nichts fuhlen konnte. Aber auch das, was diesem Gefiihle des physischen Planes entspricht, das kann innerlich sich nun auferwecken da drauBen auBer dem Leibe. Es ist dies nicht das Fuhlen selbst, denn dieses Fuhlen hat nur eine Berechtigung, ist nur vorhanden innerhalb des physischen Leibes; aber es ist das, was innerhalb der geistigen Welt dem Fuhlen ent- spricht. Vorher hat man namlich bloB empfunden: Du bist in dem Raume darinnen und wogst hin in der Zeit. Du bist in dem Raum, in dem du fruher die Vorgange, die Wesenheiten gesehen hast, und in der Zeit, in der du wahrgenommen hast, da bist du darinnen. Wenn aber das dem Fuhlen entsprechende innere Seelentum nun da drauBen auBer dem Leibe auferweckt wird, dann beginnt dieses Seelische ein Wissen zu entfalten, wodurch allerlei auf leuchtet da drauBen, wodurch man nicht nur sich fuhlt wie iiber den Raum verbreitet, sondern wodurch man etwas wahrnimmt, was in diesem Raume darinnen ist, was in diesem Zeitenstrom als Wesen wogt. Und man rlndet jetzt nicht das, was man fruher durch den Leib und seine Organe schauend in der AuBenwelt gesehen hat, sondern man findet sich erlebend in dem Inneren dieser AuBenwelt, in dem Geistigen, das diese AuBenwelt durchwallt und durchwogt. Es ist, wie wenn der Raum, in dem man sich fruher nur gefuhlt hatte, nun von unzahligen Sternen angefullt wiirde, die sich alle bewegen und zu denen man selber gehort. Und jetzt weiB man: Du erlebst dich in deinem astralischen Leib. Man erlebt sich so in seinem astralischen Leib auBerhalb des physi- schen Leibes, daB auflebt inhaltlich das, worin man sich fruher nur fuhlte.
Wenn man jetzt zuruckschaut auf das, was man fruher von sich selbst gesehen hat, was vorhin sozusagen als die Aufienwelt geschildert worden ist, auf diesen Leuchteleib mit der dunklen Gedankenzirkula- tion des Atherleibes darinnen, dann erscheint einem in dem Augen- blick, wo man sich auBer dem Leibe eben auf das Astrale, auf das
Sternenleben des astralischen Leibes konzentriert, das was man ver- lassen hat, der verlassene Leib, anders. Und man kann nun genau den Unterschied merken, der durch folgendes ausgedriickt werden kann: Du kannst dich konzentrieren auf dich zuriick, dann siehst du deinen Leuchteleib und deinen Gedankenatherleib. Kannst du dich aber so auf dich selbst konzentrieren, daB eine innere Sternenwelt, von der du weiBt, du fiillst sie aus, sich in dir auslebt, und du schaust nun zuriick auf deinen physischen Leib, den du verlassen hast, dann kann das Leuchten auf horen, dann hort die Gedankenzirkulation auf. Es ist das in gewisser Weise willkurlich zu machen, aber es tritt an die Stelle dessen ein Bild unserer eigenen Wesenheit, das uns erscheint - ja es kann nicht anders gesagt werden - als unser personifiziertes Karma. Dasjenige in uns, was wir als Menschen in uns tragen, wes- wegen wir uns dieses oder jenes Schicksal bereiten, das ist wie zu- sammengerollt. Unser Karma, unser Schicksal, personifiziert, steht vor uns. Und wir wissen, wenn wir dieses nun anschauen: Das bist du, aber so, wie du eigentlich in deiner moralischen inneren Wesenheit bist. Das bist du, so wie du darinnen stehst in der Welt als eine Indi- vidualitat; das bist du ganz selbst.
Noch ein anderes BewuBtsein tritt auf. Dieses BewuBtsein, das da noch hinzukommt, hat etwas sehr Bedruckendes. Man erblickt nam- lich dieses ganz personifizierte Schicksal so, dafi man es im innersten Zusammenhang mit seiner Leiblichkeit, mit seinem Erdenmenschen erfiihlt. Und zwar so, daB man die unmittelbare Erkenntnis hat: Wie in deinem Erdenleibe deine Muskeln aufgebaut sind, wie dein ganzes Muskelsystem ist, ist es eine Schopfung dieses deines Schicksals, deines Karmas. Jetzt kommt dann die Zeit, wo man sich sagt : Wie verschie- den ist manchmal die Maja von der Wahrheit. Da glauben wir, solange wir auf dem physischen Plane stehen, dieser Muskelmensch bestehe eben aus den neischigen Muskeln; in Wahrheit skid diese Fleisches- muskeln das kristallisierte Karma. Und sie sind so gestaltet im Men- schen, so .kristallisiert, daB der Mensch bis auf die feinste chemische Zusammensetzung hinein in seinem Muskelsystem sein kristallisiertes Karma tragt. So sehr tragt er es, daB sich nun der geistige Erschauer ganz klar wird dariiber : Wenn ein Mensch zum Beispiel seine Muskeln
so bewegt hat, daB er sich auf eine Statte begeben hat, auf der ihm ein Ungliick geschehen ist, so ist das aus dem Grunde geschehen, weil in den Muskeln die geistige Kraft darinnen lag, die ihn aus sich selbst heraus an die Statte getrieben hat, an der ihm das Ungliick passierte. Die Weltenordnung hat unser Schicksal kristallisiert in unserem Muskelsystem. Und in unserem Muskelsystem lebt der Geist, fur den auBeren physischen Plan kristallisiert, der ohne unser offenbares Wissen uns iiberall dahin fiihrt, wohin wir eben in GemaBheit unseres Karmas gehen rmissen, kommen miissen.
Wenn diese innere Erkraftung noch weiter geht, wenn der Mensch aufier seinem Leibe sozusagen sein Inneres weiter erlebt, dann tritt in ihm dasjenige auf, was sonst im physischen Leben, auf dem physi- schen Plane dem Willensimpuls entspricht. Sobald dieses Willens- leben innerlich auftaucht - aber auBer dem Leibe -, da fiihlt sich der Mensch nicht nur wie in einem Sternensystem darinnen, sondern er fuhlt sich wie in der Sonne dieses Sternensystems darinnen, er weiB sich eins mit der Sonne seines Planetensys terns. Man mochte sagen, wenn man seinen astralischen Leib innerlich erlebt, weiB man sich eins mit den Planeten seines Planetensystems ; wenn man sich mit seinem Ich auBer dem Leibe erlebt, weiB man sich eins mit der Sonne seines Sternensystems, auf die alles hingerichtet ist, auf die alles hin- tendiert.
Wenn man jetzt zuruckschaut auf das, was nun nicht innen, sondern aufien ist - denn das, was auBen ist, solange man im physischen Leibe ist, das ist, wenn man auBer dem Leibe ist, innen, und das, was innen ist, wenn man im physischen Leibe ist, das ist, wenn man auBer dem Leibe ist, auBen -, wenn man also jetzt auf sich selber zuruckschaut, dann tritt einem ein anderes entgegen, dann tritt einem die Notwendig- keit entgegen im Hinblicken auf sich selbst, daB das, was da drauBen in der physischen Welt als die eigene Leiblichkeit sich befindet, ent- stehen muBte und vergehen muB: Entstehen und Vergehen des physischen Leibes tritt einem entgegen. Man wird gleichsam gewahr, wie geistige Machte und Wesenheiten vorhanden sind, die da die Entstehung dieses physischen Leibes lenken und leiten, und wie andere wieder da sind, die ihn abbauen, diesen physischen Leib. Und man
wird sich bewuBt, worin sich dieses eigentliche Entstehen und Ver- gehen in der physischen Welt wiederum kristallisiert. Denn man weiB : dieses Entstehen und Vergehen ist im Grunde genommen an das Knochensystem des Menschen gebunden. Mit dem Einbauen des Knochensystems in den menschlichen physischen Leib ist sozusagen iiber die Form, in der der Mensch Geburt und Tod in der physischen Welt erlebt, das Utteil gesprochen. Wie das Knochensystem ein- kristallisiert ist in den Menschen, so ist durch diese Formung be- stimmt, wie der Mensch als Wesen entsteht und vergeht. Man weiB : Du konntest im physischen Dasein nicht das Wesen sein, das du hist, wenn nicht die ganze Welt zusammengewirkt hatte, um innerhalb deines physischen Daseins deine physische Natur so zu verharten, daB es als Knochensystem dir entgegentritt. Und man lernt verehren im Knochensystem, so sonderbar das auch klingt, die waltenden Universalweltenmachte, die ihren geistigen Ausdruck in all jenen Wesen finden, die im Sonnenleben konzentriert sind. Man lernt gleichsam erkennen, wie hineingezeichnet worden ist in die Welten- ordnung der Grundplan des Menschen, dieses sein Knochensystem, und wie das andere, was seine physischen Organe sind, gleichsam daran aufgehangt worden ist.
So endet das hellseherische Anschauen dessen,was jetzt AuBenwelt wird, mit der Anschauung des Symbols des Todes, man mochte sagen, mit der Anschauung des Knochenmenschen von auBen. Denn man gelangt durch diese hellseherischen Vorgange zuletzt zu der Erkennt- nis, wie die geistigen Welten sich gleichsam ein physisches auBeres Symbol erbildet haben, diese geistigen Welten, denen man mit seinem Inneren in Wahrheit angehort, und in die man sich gestellt hat, indem man auCerhalb seines Leibes gegangen ist. Man lernt sich mit seinem Wesen auBer seinem Leibe kennen. Und jetzt lernt man auch erkennen, gerade bei diesem vierten Stadium: Wenn wir in der Welt unsere Handlungen vollziehen, wenn wir unseren Willen entfalten, dann ist das die Kraft in uns, die unbewuBt auf dem physischen Plan wirkt, die wir eigentlich erst jetzt kennen: Wenn wir nur einfach vorwarts- gehen und uns zu dieser Vorwartsbewegung der Mechanik unseres Knochensystems bedienen, so wirken in diesem Vorgang des Gehens
universelle, kosmische Krafte mit, Krafte, in denen wir erst dann wirklich darinnen sind, wenn wir uns also auf der vierten Stufe auBer- halb unseres Leibes erleben.
Denken Sie einmal, meine lieben Freunde : der Mensch macht einen Spaziergang und er bewegt mit Hilfe der Knochenmechanik seine Glieder vorwarts ; er denkt, daB er das zu seinem Vergniigen mache. DaB das geschehen kann, daB es Krafte gibt, durch die wir uns vor- wartsbewegen konnen mit unserer Knochenmechanik, dazu muBte die ganze Welt da sein, und die ganze Welt von gottlich-geistigen Kraften durchwellt sein, von gottlich-geistigen Kraften, von denen wir erst ein Wissen bekommen, wenn wir uns auf dieser vierten Stufe befinden. In jedem unserer Schritte lebt der gottlich-geistige Kosmos mit, und wahrend wir glauben, daB wir es sind, die unsere FuBe vorwartssetzen, konnten wir das nicht, wenn wir nicht lebten in dem geistigen Kosmos, in der gottlichen Welt.
Wir richten, solange wir im physischen Leibe sind, unsere Blicke rings um uns herum. Da sehen wir die Wesen des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches, sehen Berge, Fliisse, Meere, Seen, Wolken, sehen Sterne, Sonne, Mond; was wir da auBerlich sehen, hat ein Inneres, und in dieses Innere treten wir selber ein, wenn wir in der geschilderten Weise aufierhalb unseres Leibes leben. Wenn wir da drinnen leben, wissen wir: Was in ihnen geistig ist, was sich ver- birgt hinter der strahlenden Sonne, hinter den glanzenden Sternen, hinter den Bergen, Fliissen, Meeren, Seen, Wolken, das lebt in unserer Knochenmechanik, wenn wir sie bewegen, und das muB alles da sein. Dann fassen wir auch mehr Verstandnis fur das, was vorangegangen ist. So wie unser Wille mit unserer Knochenmechanik im innigen Zusammenhange steht, stehen unsere Gefuhle im innigen Zusammen- hang mit unserem Muskelsystem; dieses Muskelsystem ist ein sym- bolischer Ausdruck fur unser Gefuhlssystem. So wie unsere Muskeln gebaut sind, so wie unsere Muskeln uns gestatten, sich zu verkiirzen und zu verlangern, um dadurch wiederum die Knochenmechanik hervorzurufen, so ist dazu das Planetensystem notwendig, das wir erkunden, wenn wir uns in unserem astralischen Leib befinden. In unserem Muskelsystem lebt das ganze Planetensystem, wie der ganze
Kosmos in unserer Knochenmechanik. Was in entsprechender Weise uber die Gedanken und Sinnesempfindungen zu sagen ist, wird noch in den folgenden Vortragen kommen.
Solche Dinge liefert die geistige Erkenntnis. Wir sehen daraus, daB diese geistige Erkenntnis wahrhaftig nicht bloB etwas ist, was uns Gedanken und Ideen gibt, sondern was uns in unserer ganzen Seele durchdringen kann, so daB wir uns dadurch wirklich selbst erkennen lernen, daB wir ein anderer Mensch werden in unserem ganzen Er- fuhlen und Denken. Denn wenn man das, was jetzt auseinander- gesetzt worden ist als die Erfahrung des hellseherischen BewuBtseins, auf sein Gemiit wirken laBt und zusammendrangt in eine Grund- lebensempfindung der Seele, wie laBt sich dann diese Grundlebens- empfindung der Seele ausdriicken? Wie muB man sagen, wenn man mit einem kurzen Worte das bezeichnen will, was als ein inneres Lebensgefuhl in uns angefacht ist durch ein solches Wissen der hell- seherischen Forschung?
Man schaut hin auf das, was scheinbar das Alltaglichste ist, was der Ausdruck unserer alltaglichsten Launen ist, und man bekommt etwas wie einen Eindruck von dem, was Sie in den ersten Satzen der «Priifung der Seele » durch den Mund des Capesius und des Benedic- tus geschildert iinden : wie im Menschen gleichsam zusammenrinnen die Ziele, die sich die gottlich-geistigen Wesen gesetzt haben, wie hinein- flieBt in das, was Menschennatur ist, dasjenige, was gottlich-geistige Wesen durch die Welten hindurch gedacht haben. Und nun will man das zusammenfassen in einer Lebensempfindung : man schaut anders auf die ganze Menschennatur hin als vorher, man weiB jetzt diese menschliche Natur ganz anders von dem gottlichen Kosmos durch- drungen als vorher. Und das BewuBtsein davon entflammt sich, er- starkt sich, erkraftet sich und sagt mit innerem Geimits- und Gefiihls- verstandnis: Will man den Menschen verstehen, so kann man es nicht anders als dadurch, daB man wissen lernt, aus dem Gottlich- Geistigen heraus ist dieser ganze Mensch!
Wenn wir ihn anschauen, wie sein Fiihlen hineinflieBt in seine Muskeltatigkeit, wie Gottlich-Geistiges, Kosmisches hineinflieBt in seine Knochen, wie die ganze Welt lebt in der Bewegung seiner
Knochen, wie das ganze Planetensystem lebt in dem Zusammenziehen und Ausdehnen und Erschlaffen der Muskeln, wenn man das durch- denkt und durchfuhlt, dann sagt man mit vollem Verstandnis: Ja, aus dem Gottlichen ist dieser Mensch geboren.
Ex deo nascimur.
ZWEITER VORTRAG Wien, 10. April 1914
Es war gestern meine Aufgabe, im Zusammenhang mit einer Be- trachtung iiber Denken, Fiihlen, Wollen und Wahrnehmen einige esoterische Erfahrungen mitzuteilen, welche sich der Menschenseele ergeben, wenn sie geistesforscherisch auBer dem Leibe mit der Ab- sicht lebt, etwas iiber das seelische Innere und seine Wesenheit zu erfahren. Heute wird es meine Aufgabe sein, von einer anderen Seite her solche Erlebnisse anzufiihren, weil wir nur dann, wenn wir von den verschiedensten geistigen Gesichtspunkten aus das Leben be- trachten, wirklich AufschluB iiber dieses Leben gewinnen konnen.
Stellen Sie sich einmal richtig vor, wie gestern versucht worden ist zu zeigen, was die Menschenseele sieht, wenn sie zunachst auf die eigene Leiblichkeit und das, was physisch damit zusammenhangt, von aufierhalb des Leibes zuriickblickt, und was sie dann nachher erlebt; also was des Menschen astralischer Leib und Ich erleben, wenn sie sich immer mehr und mehr erkraften in dem Raum, den sie gleichsam auBerhalb des Leibes betreten haben. Es gibt nun noch einen anderen Weg, gewissermaBen dasselbe zu betrachten. Das ist ja gerade das Bedeutsame wirklicher geistiger Betrachtungsweise, daB man im Grunde genommen auf die Ratsel des Daseins durch geistige Be- trachtung erst dadurch kommt, daB man eine Sache von den verschie- densten Seiten aus betrachtet. Es gibt namlich noch eine andere Art, aus dem Leib herauszukommen. Ich mochte sagen, die gestern ge- schilderte Art zeigte uns : es verlaBt dabei die Seele den Leib so, daB sie sich aus dem Leibe einfach in den Raum hinaus begibt und da auBer dem Leibe zu leben beginnt. Dieses Aus-dem-Leibe-Treten kann noch auf folgende Weise geschehen. Man kann, um den Weg aus sich heraus zu finden, gerade zunachst tiefer in sich hineinzu- kommen versuchen. Man kann versuchen, an die Erfahrungen anzu- kmipfen mit dem, was in der Seele, man mochte sagen, der geistigen Erfahrung am ahnlichsten ist. Man kann versuchen, mit unserem Gedachtnis an die Erlebnisse anzuknupfen. Es wurde ja ofter gesagt:
Dadurch, daB wir als Menschenseelen imstande sind, nicht nur etwas wahrzunehmen, zu denken, zu fiihlen und zu wollen, sondern die Gedanken und Wahrnehmungen aufzubewahren als Gedachtnisschatz, dadurch verwandeln wir unser Innenleben eigentlich schon in etwas Geistiges. Und ich habe in meinem offentlichen Vortrage darauf hin- gewiesen, daB der franzosische Philosoph Bergson sogar schon darauf gekommen ist, daB man das, was als Gedachtnisschatz in der Seele des Menschen vorhanden ist, nicht als irgendwie mit dem Leiblichen unmittelbar zusammenhangend betrachten kann; daB man es vielmehr als eine seelische Innerlichkeit betrachten muB, als etwas, was die Seele entwickelt, was rein geistig-seelisch vorhanden ist.
Und in der Tat, wenn in dem hellseherischen BewuBtsein die Imagination beginnt, wenn aus dem Dunkel des geistigen Daseins die ersten Eindrucke herauftauchen, so sind diese Eindrucke in ihrer Qualitat, in ihrer ganzen Wesenheit sehr ahnlich jenem Seeleninhalt, der als Gedachtnisschatz in uns ist. Wie Erinnerungsbilder, aber jetzt doch wiederum wie etwas unendlich viel Geistigeres, treten die Offen- barungen aus der geistigen Welt bei uns auf, wenn wir mit dem hell- seherischen BewuBtsein wahrzunehmen beginnen. Wir merken dann gleichsam, daB unser Gedachtnisschatz das erste wirklich Geistige ist, das erste, wodurch wir uns gewissermaBen schon aus unserem Leibe herausheben, daB wir dann aber weitergehen miissen, daB wir solche im Geistigen schwebende Bilder, wie das Gedachtnis sie uns bietet - allerdings von viel groBerer Lebendigkeit - aus Geistestiefen herauf- heben miissen, die nicht unserem Erleben angehoren wie die Erinne- rungsvorstellungen, daB gleichsam hinter dem Gedachtnis etwas heraufzieht. Das muB festgehalten werden: es zieht etwas herauf aus fremden geistigen Gebieten, wahrend der Gedachtnisschatz herauf- zieht aus dem, was wir im Physischen miterlebt haben.
Wenn wir nun versuchen, den geistigen Blick zuriickzulenken auf die Erlebnisse unseres Ich wahrend der Jahre, die wir seit dem Zeit- punkte unserer Kindheit erlebt haben, zu dem unsere Erinnerung zunickreicht, wenn wir versuchen, von allem AuBeren abzusehen und ganz in uns hineinzuleben, so dafi wir uns immer mehr in unsere Erinnerungen hineinfinden, aus unserem Erinnerungsschatz auch das
herauf holen, was uns gewohnlich nicht gegenwartig ist, dann nahern wir uns immer mehr und mehr dem Zeitpunkt, bis zu dem wir uns zuriickerinnern konnen. Und wenn wir solches oft vornehmen, wenn wir uns sogar eine gewisse Praxis darin aneignen - und wir konnen das -, sonst langst vergessene Erinnerungen heraufzuholen, so daB wir eine starkere Kraft des Sich-Erinnerns entwickeln, wenn wir immer mehr und mehr Vergessenes herauf holen und dadurch unsere Kraft, die die Erinnerungen heraufschaflt, starker machen, dann werden wir sehen, daB, ich mochte sagen, wie auf einer Wiese zwischen den einzelnen griinen Grashalmen und Graspflanzen Blumen auftauchen, dann zwischen den Erinnerungen Bilder, Imaginationen auftauchen von etwas, was wir vorher nicht gekannt haben. Es ist etwas, was wirklich so auftaucht wie die Blumen auf der Wiese zwischen den Graspflanzen, was aber aus ganz anderen geistigen Tiefen herauf- kommt als die Erinnerungen, die eben nur aus unserer eigenen Seele herauftauchen. Und wir lernen dann unterscheiden das, was irgendwie mit unseren Erinnerungen zusammenhangen konnte, von dem, was also herauftaucht aus geistigen Untergriinden und geistigen Tiefen. Und so leben wir uns nach und nach in die Moglichkeit ein, eine Kraft zu entfalten, das Geistige herauszuholen aus seinen Untergriinden.
Dadurch aber gelangen wir auf eine andere Weise aus unserem Leibe heraus als auf die gestern beschriebene Art. Bei der gestern beschriebenen Art verlassen wir den Leib gewissermafien unmittelbar. Bei der heute gemeinten Art gehen wir zuerst unser Leben zuriick, durchlaufen unser Leben. Wir versenken uns in unser Innenleben, gewohnen uns, durch die Erstarkung der Erinnerungskraft in unse- rem Innenleben zwischen unseren Erinnerungen Geistiges hervorzu- holen aus der geistigen Welt, und so gelangen wir endlich dazu, hin- auszudringen durch unsere Geburt, durch die Zeitenfolgen iiber un- sere Empfangnis hinaus, in die geistige Welt, in der wir gelebt haben, bevor wir uns zu unserer jetzigen Inkarnation mit einer physischen Vererbungssubstanz verbunden haben. Wir gelangen, unser Leben durcheilend, hinaus in die geistige Welt, zuriick in die Zeit, bevor wir eben hereingetreten sind in diese Inkarnation. Das ist die andere Art, den Leib zu verlassen, hineinzukommen in das Geistige. Und diese
Art weist einen grofien Unterschied auf gegeniiber der gestern be- schriebenen. Merken Sie wohl auf diese Unterschiede, denn gerade in diesem Vortragszyklus habe ich so manche Feinheiten und Intimi- taten des geistigen Lebens vor Ihnen mitzuteilen. Aber es ist schwie- rig, auf diese Feinheiten und Intimitaten in geeigneten Worten hinzu- weisen. Und nur, wenn man versucht, gerade solche Unterscheidungen zu fassen, kommt man richtig in die Dinge hinein und gewinnt ein sicheres Denken iiber dieselben.
Wenn man so, wie ich es jetzt beschrieben habe, den Leib verlaBt, so kommt man namlich ganz anders aus seinem Leibe heraus. Wenn man auf die gestern beschriebene Weise herauskommt aus seinem Leibe, so fiihlt man sich wie auBerhalb seines Leibes in dem AuBen- raum. Ich konnte beschreiben, wie man sich verbreitet iiber den AuBen- raum, wie man zuriickschaut auf seinen physischen Leib. Man tritt aus sich heraus und fiillt gleichsam den Raum aus, man tritt in den Raum hinaus. Wenn man aber durchmacht, was jetzt bier gemeint ist, dann tritt man aus dem Raum selber hinaus, dann hort der Raum auf, fur einen eine Bedeutung zu haben; man verlaBt den Raum und man ist dann nur noch in der Zeit. So daB bei einem solchen Verlassen des Leibes das Wort auf hort, einen Sinn zu haben: Ich bin auBerhalb meines Leibes - denn das AuBerhalb bedeutet ein raumliches Ver- haltnis. Man fuhlt sich dann eben nicht gleichzeitig mit seinem Leibe, man erlebt sich in der Zeit. In der Zeit, in der man war vor der In- karnation, in einem Vorher. Und den Leib erschaut man als nachher existierend. Man ist wirklich nur in der fortstromenden, laufenden Zeit darinnen. Und anstelle des AuBen und Innen ist ein Vorher und Nachher getreten.
Dadurch ist man imstande, durch ein solches Herausgehen aus seiner Leiblichkeit, wirklich einzudringen in die Gebiete, die wir durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Denn man geht in der Zeit zuriick, man lebt sich ein in ein Leben, das man vor diesem Erdenleben gelebt hat. Und dieses Erdenleben erscheint so, dafi wir sagen : Was ist denn dort in der Zukunft, was erscheint uns denn da als Nachher? Sie sehen da eine genauere Angabe iiber man- ches, was ich in meinem offentlichen Vortrage nicht so genau habe
ausfiihren konnen: wie man namlich im Konkreten hineinkommt in die Gebiete, die man durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
Nun ist man auf diesem Wege hinausgezogen aus seinem Leibe, indem man in das vorher im Geiste vollbrachte Leben zuriickgekehrt ist, man ist damit aber audi aus dem Raum herausgezogen. Dadurch hat dieses Verlassen des Leibes - aus dem Jetzt zu dem Friiheren - einen viel hoheren Grad von Innerlichkeit als das andere Verlassen, und fur den Geistesforscher ist in der Tat dieses jetzt geschilderte Verlassen des Leibes von unendlich groBerer Bedeutung als das gestern geschilderte, das nicht aus dem Raume herauskommt. Denn eigentlich begreift man dasjenige, was so recht tiefe Innerlichkeiten der Seele angeht, im Grunde erst auf dem heute beschriebenen Wege. Und da mochte ich Ihnen zunachst eines anfuhren, aus dem Sie er- sehen werden, wie man versuchen muB, hinter die Intimitaten und Feinheiten des menschlichen Lebens zu kommen.
Im physischen Leibe hier leben wir unser physisches Leben. Wir bedienen uns unserer Sinne, nehmen die Welt wahr, wir stellen die Welt vor, fuhlen in ihr, versuchen uns durch unsere Handlungen in dieser Welt einen Wert zu geben, wir handeln bewuBt durch unseren Leib. So geht das alltagliche Leben vor sich, so geht das Leben vor sich, insofern wir dem physischen Plan angehoren. Nun muB es aber fur jeden Menschen, der seine Menschenwiirde wahrhaft in sich er- fuhlen will, ein hoheres Leben geben; und es hat immer ein hoheres Seelenleben gegeben. Die Religionen, die den Menschen mit hoherem Leben erfullten, waren immer da. Geisteswissenschaft wird den Men- schen in der Zukunft mit einem solchen hoheren Leben erfiillen. Was will dieses hohere Leben? Was will dieses Leben, das in Gedanken, in Gefiihlen, in Empfindungen hinausgeht iiber das, was der physische Plan bieten kann, das bei dem einen nur in dunklen Ahnungen auf religiosem Gebiet, bei dem anderen in klar umrissenen Linien der Geisteswissenschaft hinausgeht iiber das, was die Sinne schauen konnen, was man mit seinem an das Gehirn gebundenen Verstande denken kann, was man mit seinem Leibe in der Welt ver- richten kann?
Nach einem geistigen Leben hin tendiert die menschliche Seele. Ein geistiges Leben in sich zu erfiihlen, von einem solchen geistigen Leben etwas zu wissen, das iiber das physische Leben hinausgeht, das gibt dem Menschen eigentlich erst seine Wiirde. Man konnte sagen: Solange der Mensch im physischen Leibe weilt, sucht er seine Wiirde zu erhohen, sucht er seine eigentliche Bestimmung zu erahnen durch ein Leben, das er sich vorstellt als iiber die physische Welt hinaus- gehend, durch ein Erahnen, Empfinden, Erkennen einer geistigen Welt. Blicke auf zum Geiste, fiihle, dafi geistige Krafte durch die physischen Welten weben : das sind im Grunde genommen die Tone, die das religiose und das damit verwandte Leben dem Menschen geben sollen. Und die Sorge des Erziehers, der es mit einem heran- wachsenden Menschenkinde ernst meint, wird sein, dieses Menschen- kind nicht so aufwachsen zu lassen, daB es nur in den auBeren mate- riellen Vorstellungen lebt, sondern ihm Vorstellungen von einer ubersinnlichen Welt beizubringen.
Nennen wir jetzt, ohne damit hinweisen zu wollen auf das Eng- umschrankte oder dogmatisch Eingeengte der Religionssysteme, nennen wir das, was so den Menschen hinauszieht aus dieser physi- schen Welt, Religion, und fragen wir gegeniiber dem, was wir gerade geschildert haben als ein Hinausgehen der menschlichen Seele iiber Geburt und Empfangnis in eine dem Erdenleben vorhergehende geistige Welt hinein, wo die Seele auch aus dem Raume heraus ist, fragen wir demgegeniiber : Gibt es nun zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in der Welt, die wir so betreten, wie wir es auseinander- gesetzt haben, etwas, was man eine Religion jenes Geisterlandes nennen konnte? Gibt es da driiben etwas, was sich mit dem religiosen Leben auf der Erde vergleichen lieBe ? Wir haben schon in manchen Einzelheiten geschildert und werden noch weiter die Vorgange zu schildern haben, die der Mensch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchlebt. Aber jetzt fragen wir uns: Gibt es so etwas wie eine Religion in diesem geistigen Leben? Etwas, von dem man sagen kann : es steht den Erlebnissen, die wir fur das Geisterland schildern, so gegeniiber, wie die Hinweise auf die ubersinnliche Welt dem All- tagsleben des physischen Planes gegeniiberstehen ?
Derjenige, der auf die geschilderte Weise aus seinem Leibe heraus- kommt, der kommt zu der Erkenntnis, daB es so etwas wie eine Art religiosen Lebens da driiben in diesem Geisterlande auch gibt. Und merkwurdigerweise, wahrend man alles das, was man im Geisterlande urn sich herum hat, geistige Wesenheiten und geistige Vorgange, so erlebt wie man hier physische Wesen und physische Vorgange erlebt, hat man dort fortdauernd wahrend dieses Lebens, oder wenigstens wahrend eines groBen Teiles dieses Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wie ein machtiges geistiges Gebilde, das Bild des Menschenideals vor sich. Alles, was iiber den Menschen hinaus- geht, hat man hier auf der Erde als Religion. Das Menschenideal, man hat es driiben in der geistigen Welt als Religion. Man lernt verstehen, daB die verschiedenen Wesenheiten der verschiedenen geistigen Hierarchien ihre Absichten, ihre Krafte zusammenwirken lieBen, um im Weltenstrome auf die Art, wie es in meiner «Geheimwissenschaft im Umrifi» beschrieben ist, allmahlich den Menschen hervorgehen zu lassen. Den Gottern schwebte als das Ziel ihrer Schopfung das Men- schenideal vor, und zwar jenes Menschenideal, welches wirklich sich nicht so auslebt, wie jetzt der physische Mensch ist, sondern so, wie hochstes menschliches Seelen-Geistesleben in den vollkommen ausge- bildeten Anlagen dieses physischen Menschen sich ausleben konnte.
So schwebt als Ziel, als hochstes Ideal, als die Gotterreligion den Gottern ein Bild der Menschheit vor. Und wie am fernen Ufer des Gotterseins schwebt fur die Gotter der Tempel, der als hochste kunst- lerische Gotterleistung das Abbild des gottlichen Seins im Menschen- bilde hinstellt. Und das ist das Eigentumliche, daB der Mensch, wah- rend er sich in dem Geisterlande zwischen dem Tod und einer neuen Geburt heranbildet, sich nach und nach dort immer reifer und reifer macht zum Schauen dieses Menschheitstempels, dieses hohen Mensch- heitsideals. Und wahrend wir hier auf Erden das religiose Leben so empflnden, daB es unsere freie Tat sein muB, daB wir es aus uns her- ausholen miissen, daB es dem materialistischen Sinn auch moglich ist, das Religiose zu verleugnen, ist das Umgekehrte im Geisterland zwi- schen dem Tod und einer neuen Geburt der Fall. Je mehr wir in die zweite Halfte der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt
hineinleben, desto deutlicher steht vor uns, so daB wir es nicht iiber- sehen konnen, so daB es immer vor unserem geistigen Blicke ist, das hehrste Menschenideal, das Gotterziel der Welten. Hier auf Erden kann der Mensch irreligios sein, weil seine Seele gegeniiber dem Phy- sischen den Geist ubersehen kann. Driiben ist es unmoglich, daB der Mensch nicht das Gotterziel schaut; denn das stellt sichihm mit Sicher- heit vor Augen. So steht, namentlich in der zweiten Halfte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wie am Ufer des Seins, das heiBt am Ufer der dahinstromenden Zeit - nehmen Sie jetzt alle Aus- drucke so, daB wir es zu tun haben auBerhalb des Raumes mit der Zeit -, so steht es da, das Menschheitsideal. Eine Erkenntnisreligion kann es driiben nicht geben; denn erkennen muB man das, was reli- gioser Inhalt ist. Das, was ich jetzt geschildert habe, ist driiben reli- gioser Inhalt. In diesem Sinne irreligios kann kein Mensch sein, daB er das religiose Ideal des Geisterlandes nicht vor sich hatte. Denn das steht durch sich selbst da, es ist Gotterziel und wird hingestellt als die machtigste, glorioseste Imagination, wenn wir die zweite Halfte unseres Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt antreten. Aber wenn wir so auch nicht eine Erkenntnisreligion driiben entwik- keln konnen, so entwickeln wir doch unter der Anleitung hoherer geistiger Wesenheiten, die da driiben fur den Menschen tatig sind, eine Art Religion.
Wahrend uns aber Erkennen, Schauen nicht gelehrt werden kann, weil es ja selbstverstandlich ist, muB unser Wollen, unser wollendes Fiihlen, unser fiihlendes Wollen angeeifert werden in der zweiten Halfte des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, um zu dem, was wir da sehen, wirklich hinzustreben. In unser wollendes Fiihlen, in unser fiihlendes Wollen flieBen Gotterwille, Gotterfiihlen ein, damit wir den Weg in dieser Richtung wahlen in der zweiten Halfte unseres Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es sind ja alle Ausdriicke ungeschickt fur dieses ganz andersartige Leben, dennoch darf der Ausdruck gebraucht werden : hier werden wir in bezug auf unseren Verstand unterrichtet; nur wenn ein Lehrer durch die Vorstellung geht, wirkt er hier auf Erden weiter auf unser Gefiihl. Driiben ist es so, daB, wenn man den weiter noch zu schil-
dernden Zeitpunkt der Mitte zwischen dem Tod und einer neuen Ge- burt, wenn man das, was ich in meinem letzten Mysteriendrama «Der Seelen Erwachen» die Mitternachtsstunde genannt habe, uberschritten hat, daB dann zunachst eine gewisse Dumpfheit da ist in bezug auch auf das Wollen und Fiihlen gegeniiber dem, was wie ein herrlicher Tempel in den Fernen der Zeiten stent. Da durchgliihen und durch- warmen gottliche Krafte unsere inneren Seelenvermogen: ein Unter- richt ist es, der unmittelbar zu unserem Inneren spricht und der sich so aufiert, daB wir immer mehr und mehr die Fahigkeit gewinnen, wirklich den Weg gehen zu wollen zu dem, was wir so als ein Ideal schauen. Wahrend wir im physischen Leben einem Lehrer gegeniiber- stehen konnen oder einem Erzieher, und er uns gegeniiberstehen kann, und wir uns doch im Grunde genommen so fiihlen, daB er von auBen herein in unser Herz spricht, fiihlen wir, daB unsere geistigen Erzieher der hoheren Hierarchien, indem sie uns so erziehen, wie ich es jetzt geschildert habe, unmittelbar in unser Inneres herein ihre eigenen Krafte stromen lassen. Irdische Erzieher sprechen zu uns, geistige Er- zieher im Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt geben uns ihr Leben in unsere Seelen herein, indem sie uns geistig religios erziehen. Und so fiihlen wir sie immer mehr und mehr in uns, diese Erzieher aus den hoheren Hierarchien, so fiihlen wir uns immer inni- ger mit ihnen verbunden. Dadurch aber erkraftet und erstarkt sich unser Innenleben. Du bist immer mehr und mehr von den Gottern angenommen, in dir leben immer mehr und mehr die Gotter, und sie helfen dir, daB du immer starker und starker innerlich wirst! Das ist es, was als ein Grundgefiihl durchgeht durch dieses Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, namentlich in seiner zweiten Halfte.
So sehen wir, wie alles in diesem Leben darauf hin angelegt ist, daB unsere Erlebnisse unmittelbar in den Tiefen unserer Seele selbst ab- laufen. Nun kommen wir aber, indem wir also von den Gottern unter- richtet werden, an einen bestimmten Punkt des Erlebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. An einen wichtigen Punkt kommen wir. Es ist, ich mochte sagen, in der Zeiten fernster Feme, wo wir das Menschheitsideal erblicken; die Krafte aber, die in uns durch diese unsere gottlich-geistigen Erzieher gelegt werden konnen, die sind
abhangig von dem, was wir im Laufe unserer Inkarnationen, im Laufe unseres vorhergehenden Menschenlebens aus uns gemacht haben. Und so stehen wir, indem wir heranleben von der Welten- mitternacht, gerade in der Mitte zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und immer weiterleben in die Zeiten hinein und in fernsten Zeiten das Menschheitsideal sehen, dann endlich an einem Punkt, an der letzten Perspektive des Menschheitsideals. Aber so stehen wir an diesem Punkt, daB wir uns nun sagen mussen - wir sagen es uns raturlich nicht, wir erleben es ganz innerlich, aber man mufi sich mit den Worten des gewohnlichen Lebens aussprechen -: Gottlich-gei- stige Krafte haben an dir gewirkt, sind immer innerlicher in deiner Seele geworden, leben jetzt in dir; aber jetzt bist du an dem Punkte, wo du dich nicht mehr weiter mit diesen Kraften durchdringen kannst, denn du mufitest viel vollkommener sein, wenn du weitergehen woll- test als bis hierher.
Und jetzt kommt ein wichtiger Entscheidungspunkt. In diesem Augenblick tritt an uns eine harte Versuchung heran! Die Gotter haben es gut mit uns gemeint, sie haben uns alles das gegeben, was sie uns zunachst geben konnen, sie haben uns so stark gemacht, als es nach MaBgabe der Kraft moglich war, die wir im bisherigen Leben uns erworben haben. So ist diese uns von den Gottern gegebene Starke in uns, und die Versuchung tritt an uns heran, die uns sagt: Ja, du kannst jetzt diesen Gottern folgen, du kannst jetzt alles das, was du bist, gleichsam einflieBen lassen in das, was die Gotter dir gegeben haben an Kraften, du kannst in die geistigen Welten hinein- gehen. Denn viel, viel haben dir die Gotter gegeben.
Man kann sich ganz vergeistigen : diese Aussicht steht vor einem. Aber man kann das nur, indem man seinen Weg von der Bahn nach dem groBen Menschheitsideale bin ablenkt, indem man herausgeht aus der Bahn. Das heiBt mit anderen Worten: man schlagt den Weg ein in die geistigen Welten, indem man all seine Unvollkommenheiten in die geistigen Welten mit hineinnimmt. Sie wiirden sich dort schon in Vollkommenheiten verwandeln. Sie taten es wirklich. Man konnte mit den Unvollkommenheiten hinein, man wiirde mit ihnen, weil man von gottlichen Kraften durchdrungen ware, ein Wesen sein. Aber
dieses Wesen miifite verzichten auf Anlagen, die es doch in sich hat, die es noch nicht auf seinem bisherigen Wege ausgebildet hat und die nach der Richtung des groBen Menschheitsideales liegen; auf die miiBte es verzichten. Jedesmal, bevor wif zu einer Erdeninkarnation gehen, tritt an uns die Versuchung heran, in der geistigen Welt zu bleiben, in den Geist einzutreten und sich vorwarts zu entwickeln mit demjenigen, was man schon ist, was jetzt ganz durchgottlicht ist, und zu verzichten auf das, was man als Mensch noch immer mehr werden konnte auf der Bahn nach dem fernen religiosen Ideal der gottlich- geistigen Welt hin. Es tritt die Versuchung heran, irreligios fur das Geisterland zu werden.
Diese Versuchung tritt um so mehr heran, als in keinem Moment der Menschheitsentwickelung Luzifer eine grofiere Gewalt hat iiber den Menschen als in diesem Augenblick, wo er ihm einblast: Ergreife jetzt die Gelegenheit, du kannst im Geiste bleiben, du kannst alles das, was du entwickelt hast, in das geistige Licht uberfiihren! Und ver- gessen zu machen der Seele, soweit es irgend moglich ist, sucht Luzi- fer das, was noch als Anlagen vorhanden ist, was da steht in dem fernen Tempel am fernen Ufer des Zeitenseins.
So wie die Menschheit jetzt ist, wiirde der Mensch nicht in der Lage sein, in diesem Punkt der Versuchung Luzifers zu widerstehen, wenn nicht die Geister, deren Gegner Luzifer ist, jetzt die Angelegenheiten des Menschen ubernehmen wiirden. Und es tritt der Kampf der den Menschen zu seinem Ideale vorwartsleitenden Gotter ein, der die Gotterreligion bekennenden Gotter mit Luzifer um eine Menschen- seele. Und das Ergebnis dieses Kampfes ist, dafi das Urbild, das sich der Mensch von seinem irdischen Dasein gebildet hat, herausgeworfen wird aus der Zeit in den Raum, angezogen wird magnetisch vom Raumesdasein. Dies ist auch der Moment, wo jene magnetische An- ziehung durch das Elternpaar auftritt, wo der Mensch hineinversetzt wird in die Raumesspharen, Verwandtschaft gewinnt mit der Raumes- sphare. Dadurch aber wird alles dasjenige um den Menschen herum verhullt, was ihm die Versuchung einfloBen konnte, nur in der geisti- gen Welt zu bleiben. Und diese Verhullung driickt sich aus eben in seiner Umhullung mit der Leiblichkeit. Er wird in die Leiblichkeit
eingefiigt, damit er nicht schaut, was Luzifer vor ihn hinstellen will. Und wenn er in die leibliche Hiille eingehullt ist und durch seine leib- lichen Sinne und seinen leiblichen Verstand nunmehr die Welt ansieht, so sieht er nicht das, was er sonst in der geistigen Welt, durch den Versucher verfuhrt, anstreben mochte, er sieht es nicht, er schaut diese Welt geistiger Wesenheiten und Vorgange von auBen, wie sie sich fur die Sinne und den an das Gehirn gebundenen Verstand offen- baren. Und indem er im Sinnesleibe ist, iibernehmen die ihn vorwarts- bringenden Geister seine Entwickelung.
Und fragen wir uns jetzt: Wieviel geht mit uns vor zwischen der Geburt und dem Tode in den unterbewufiten Seelentiefen, wieviel geht mit uns vor, ohne da6 wir davon wissen? — Wenn wir uns so leiten muBten, daB wir alles bewuBt vollbringen, so konnten wir das Erdendasein durchaus nicht vollenden. Ich habe schon darauf hinge- wiesen in meinem Buche iiber «Die geistige Fiihrung des Menschen und der Menschheit» : der Mensch muB, indem er in die physische Inkarnation tritt, selber erst plastisch an seinem Gehirn- und Nerven- system arbeiten. Er arbeitet, aber er arbeitet unbewuBt daran. Das alles ist der Ausdruck einer viel groBeren Weisheit als diejenige ist, die der Mensch begreifen kann mit seinem sinnlichen Verstand. In uns waltet zwischen der Geburt und dem Tode eine Weisheit, die hinter der Welt vorhanden ist, die wir mit unseren Sinnen anschauen und iiber welche wir mit unserem an das Gehirn gebundenen Ver- stand denken. Dahinter ist sie vorhanden, diese Weisheit; sie ist ver- hiillt vor uns zwischen der Geburt und dem Tode. Aber sie waltet, webt, wirkt in uns in den unterbewufiten Seelentiefen, und sie muB sozusagen in diesen unterbewufiten Seelentiefen des Menschen Ange- legenheiten in die Hand nehmen, well der Mensch auf einige Zeit hin- weggeriickt werden muB von einem Anblick, der fur ihn versucherisch ware. Die ganze Zeit, wahrend welcher wir in unserem physischen Leibe leben, wiirden wir unter sonst normalen Verhaltnissen, ohne daB wir eben durch eine sorgfaltige Schulung in die geistige Welt ein- gefuhrt werden, wenn der Huter der Schwelle uns das Hineinschauen in die geistigen Welten nicht vorenthielte, unser ganzes Leben Schritt fur Schritt versucht sein, unsere noch unvollkommenen, unsere noch
nicht herausgekommenen Menschenanlagen fallen zu lassen und dem Hinaufschwung in die geistigen Welten zu folgen, aber mit unseren UnvoUkommenheiten. Wir brauchen die Zeit unseres Erdenlebens, um in dieser Zeit der Versuchung Luzifers entriickt zu sein.
Bis zu dem angegebenen Zeitpunkt, wo wir in den Raum heraus- gefuhrt werden, hat Luzifer noch nicht die Gewalt, denn da gibt es noch immer eine Moglichkeit, vorwartszuschreiten, aber er kommt eben in dem Moment heran, wo wir an dem Entscheidungspunkte angelangt sind. Durch unser vorhergehendes Leben konnen wir nicht vorwartsschreiten, so wollen wir mit den Unvollkommenheiten ab- irren und in der geistigen Welt verbleiben. Davor schiitzen uns die fortschreitenden Gotter, deren Gegner Luzifer ist, indem sie uns dieser geistigen Welt entriicken, indem sie sie vor uns verhullen, und das, was aus dieser geistigen Welt heraus geschehen muB an uns, hinter unserem BewuBtsein vollziehen.
So stehen wir da als Menschen in der Welt, mit unserem BewuBt- sein in unserem physischen Leibe, und sagen uns: Habt Dank, ihr Gotter! So viel habt ihr uns gelassen von der Moglichkeit, etwas zu wissen von der Welt, als gerade gut ist fur uns. - Denn blickten wir hinter die Schwelle desjenigen, was unser BewuBtseinshorizont ist, so stiinden wir in jedem Augenblick vor der Gefahr, unser Mensch- heitsziel nicht erreichen zu wollen. Aus jenem helleren, hoheren Be- wufitseinszustand, in dem wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt sind, wo wir geistige Welten und geistige Wesenheiten um uns herum haben, wo wir im Geiste sind, muBten wir in die Welt des Raumes versetzt werden, damit uns in der Welt des Raumes verhiillt werde die Welt, die wir nicht ertragen konnten, bis wir die Zeit durch- gemacht haben zwischen der Geburt und dem Tode, die Zeit, in der wir, dadurch, daB wir der geistigen Welt entruckt waren, dadurch daB diese geistige Welt in dieser Zeit nicht auf uns gewirkt hat, daB nur materielle Dinge uns umgeben haben, wiederum einen neuen An- trieb empfangen haben nach den fernen Zielen des Menschheitsideales hin. Denn in der ganzen Zeit, wahrend welcher wir auf Erden leben, wahrend welcher wir mit unserem BewuBtsein nicht in die geistige Welt hineinsehen, wirken nun wiederum, indem sie jetzt nicht durch
unser BewuBtsein gestort sind, indem sie nicht gestort sind dadurch, daB wir versucht sind, Luzifer zu folgen, in uns die uns vorwarts- treibenden gottlichen Geister. Und sie floBen uns wiederum so viel Kraft ein, daB, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, wir wie- derum ein Stuck vorwartsdringen konnen nach dem Menschheits- ideale hin.
Das ist auch noch ein Geheimnis, das hinter dem Menschendasein stent, das ich mit diesen Worten angedeutet habe. Und ich denke, es ist eine gute Osterempfindung, hinzuschauen auf jene Verhaltnisse des Lebens, die mehr durch innerliches Herausgehen aus dem Leibe erreicht werden, hinzuschauen auf die Verhaltnisse zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und dem Leben, das wir nachher im physi- schen Leibe gewinnen. Da blicken wir hin auf dieses Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und werden gewahr der Fiihrung der guten gottlich-geistigen Wesen, die uns vorwarts helfen. Wie zu unserer Vergangenheit im Geiste sehen wir zu diesen gottlich-geisti- gen Wesen auf, und wir verstehen jetzt von diesem unserem Sein im Leibe zwischen der Geburt und dem Tode, daB es uns verliehen wor- den ist von den Gottern, damit die Gotter eine Weile, ohne daB wir etwas dazu zu tun brauchen, fur uns sorgen konnen zu unserer Wei- terentwickelung. Wahrend wir die Welt wahrnehmen, wahrend wir in der Welt denken, in ihr fiihlen, in ihr wollen, wahrend wir unseren Erinnerungsschatz aufspeichern, um im physischen Dasein ein zusam- menhangendes Sein zu haben, arbeiten hinter alle dem, hinter diesem unserem bewuBten Leben die gottlich-geistigen Wesenheiten. Sie len- ken fort den Strom der Zeit. Sie haben uns entlassen in den Raum, damit wir in diesem Raume gerade so viel BewuBtsein haben, als es diese Gotter fur gut finden, uns zu lassen, wenn sie hinter diesem BewuBtsein unsere Geschicke nach dem groBen Menschheksideale, nach dem Ideale der Gotterreligion weiter lenken wollen.
Blicken wir so auf unser Inneres - jetzt auf dasjenige Innere, das wir mit unserem BewuBtsein gar nicht einmal in normalen Verhalt- nissen des Lebens schauen und erforschen konnen -, versuchen wir uns zu durchdringen mit der Empfindung : Da in dir lebt etwas, was du allerdings mit den normalen Kraften des Menschenlebens nicht
durchschaust, was aber dein tiefstes inneres Seelisches ist; suchen wir es gewahr zu werden in uns, dieses tiefere in uns verborgene Seelische, und versuchen wir dann gewahr zu werden, wie in diesem Seelischen, das wir selber nicht lenken, die Gotter walten, der Gott in uns wal- tet: da bekommen wir das rechte Gefiihl von dem in uns waltenden Gott. Und da6 ein solches Gefiihl entstehe, ein solches rechtes Oster- gefiihl, dafiir mochte ich eigentlich die heutigen Worte gesprochen haben, nicht so sehr wegen ihres theoretischen Inhaltes.
Wenn - hinblickend auf das, was sich der Seele darstellt, wenn sie im Raume gleichsam aus sich herausgeht, den Raum erfullend - diese Seele wissen, lernen kann : Aus dem Gottlichen bin ich geboren - so kann sie durch das heute Gesagte dieses Wissen noch vertiefen, indem sie gewahr werden kann : Mit all dem, was ich weifi, mit all dem, was im Wahrnehmen, Denken, Fiihlen und Wollen meiner Seele zugang- lich ist, bin ich herausgeboren aus einem tieferen Seelischen, aus jenem Seelischen in mir, das noch bei dem Gottlichen ist, das im Zeitenstrom dahinflieBt, aber mit dem Gottlichen dahinflieBt. Ein Wissen konnen wir gewahren, das sich ausdriicken kann in einem noch viel tieferen Sinne als derjenige, der gestern gemeint sein konnte am Ende unserer Betrachtung. In einem noch viel tieferen Sinn kon- nen wir heute das Wort als Ergebnis unserer Betrachtung hinstellen: Aus dem Gott sind wir geboren. Denn wir gewahren, daB diese Seele mit dem, was sie von sich selber wissen kann, in jedem Zeitpunkt aus dem Gottlichen heraus geboren wird, so daB wir in jedem Zeitpunkt unser tiefstes Inneres erfullen diirfen mit diesem: Aus dem Gott sind wir geboren.
Ex deo nascimur.
DRITTER VORTRAG Wien, 11. April 1914
Zunachst werden wir heute aufmerksam zu machen haben auf ein- zelne positive okkulte Forschungsresultate, welche auf der einen Seite sehr geeignet sind, uns in das Wesen des Menschen hineinzufuhren, die aber auf der anderen Seite uns zeigen, als welch kompliziertes Wesen eigentlich dieser Mensch in der Welt darinnensteht. Aber kon- nen wir denn anders denken, als daB dieser Mensch als ein recht kompliziertes Wesen in der Welt darinnensteht, wenn wir erwagen, dafi das eigentliche Idealbild des Menschen, das, was der Mensch sein kann, wenn er alle in ihm liegenden Anlagen wirklich zur Entfaltung bringt, im Grunde der Inhalt der Gotterreligion ist, und dafi im Grunde genommen all die geistigen Wesenheiten der verschiedenen Hierarchien, die man im Zusammenhang mit der menschlichen Natur kennenlernen kann, ihre Ziele zusammenwirken las sen, um aus dem gesamten Kosmos heraus den Menschen wie den Sinn dieses Kosmos aufzubauen !
Das erste, was zu sagen sein wird, ist, daB der Mensch mit den Wahrnehmungen, die er von der auBeren Welt empfangt, so wie sie ihm in seinem BewuBtsein erscheinen, eigentlich nur einen kleinen Teil dessen wirklich aufnimmt, was da auf ihn einsturmt. Indem der Mensch in der physischen Welt darinnensteht, seine Sinnesorgane ge- offhet hat, mit seinem Verstand, der an sein Gehirn, an sein Nerven- system gebunden ist, die Welt betrachtet und sich zu erklaren ver- sucht, was da auf diese Weise an den Menschen herankommt, gelangt eigentlich nur ein kleiner Teil dessen, was da heranstiirmt, wirklich zur menschlichen Vorstellung, tritt nur ein kleiner Teil wirklich in das BewuBtsein des Menschen ein. Im Licht und in den Farben, im Ton und so weiter ist viel mehr enthalten, als dem Menschen zum BewuBt- sein kommt. Die auBerliche materialistische Physik spricht in ihrer kindlichen Weltauffassung davon, daB hinter den Farben, hinter dem Licht und so weiter materielle Vorgange seien, Atomschwingungen und dergleichen. Das ist eben wirklich nur, man kann schon sagen,
eine kindliche Weltauffassung. Denn in Wahrheit stellt sich das Fol- gende ein.
Wir miissen mit dem hellseherischen Blick das menschliche Wahr- nehmen erforschen, denn von diesem Beobachten des wirklichen Wahrnehmungsvorganges kann erst ein Verstandnis iiber das Verhalt- nis des Menschen zu der Umwelt, die ihm vorliegt, ausgehen, wenn wir auch nur auf dem physischen Plane bleiben. Etwas hochst Eigen- tiimliches zeigt sich, wenn man den Wahrnehmungsvorgang hellsehe- risch beobachtet. Sagen wir, irgend etwas wirke auf unser Auge, wir nehmen Licht oder Farbe wahr, wir haben also in unserem BewuBt- sein die Empfindung des Lichtes oder der Farbe: das Merkwiirdige, was man nun entdeckt durch die Geistesforschung, ist, daB im Men- schenwesen nicht nur dieses Licht und diese Farbe auftreten, sondern daB da wie im Gefolge von Licht und Farbe gleichzeitig mit unserer Empfindung von Licht- und Farbenbildern, man mochte sagen, eine Art von Licht- oder Farbenleichnam in uns auftritt. Unser Auge ver- anlaBt uns, daB wir die Licht- und Farbenempfindung haben. Man konnte also sagen: das Licht stromt zu und bereitet uns die Licht- empfindung, aber tiefer in unser Wesen hineinschauend, entdecken wir, daB, wahrend in unserem BewuBtsein das Licht sitzt, unser Men- schenwesen durchzogen wird von etwas, was in diesem Menschen- wesen sterben muB, damit wir die Lichtempfindung haben konnen. Keine Wahrnehmung, keine Empfindung von auBen konnen wir haben, ohne daB sich gleichsam durchdriickt durch diese Empfindung eine Art Leichenbildung, die wie im Gefolge dieser Empfindung auf- tritt. Geistesforschung muB eben sagen: Da schaue ich mir den Men- schen an, ich weiB, jetzt empfindet er rot. Ich sehe aber, daB dieses Rot, das in seinem BewuBtsein lebt, von sich gleichsam etwas aus- gieBt, sein ganzes Wesen, insofern es in seine Haut und in die Gren- zen seines Atherleibes eingeflossen ist, durchdringt mit etwas, was wie der Leichnam der Farbe ist, was etwas ertotet in dem Menschen. Den- ken Sie nur einmal, daB wir eigentlich immer, indem wir der physi- schen Welt gegeniiberstehen und unsere Sinnesorgane ofTen haben, die Leichname aller unserer Wahrnehmungen wie Phantome, aber wirk- same Phantome, in uns aufnehmen. Immer stirbt etwas in uns, indem
wir die AuBenwelt wahrnehmen. Es ist das ein hochst eigentiimliches Phanomen. Und der Geistesforscher muB sich fragen: Ja, was ge- schieht denn da? Was ist denn die Ursache von diesem hochst eigen- artigen Phanomen?
Da muB man betrachten, wie es sich eigentlich mit dem verhalt, was da wie Licht an uns heransturmt. Dieses Licht hat eben vieles hinter sich. Es ist gleichsam das, was das Licht offenbart, nur der Vorposten desjenigen, was an uns heransturmt. Hinter dem Licht steht allerdings nicht jene Wellenbewegung, von der die auBere Phy- sik phantasiert, sondern hinter dem Licht, hinter alien Wahrnehmun- gen, hinter alien Eindriicken steht zunachst das, was wir nur erfassen, wenn wir geisteswissenschaftlich die Welt anschauen durch Imagina- tionen, durch schopferische Bilder. In dem Augenblick, wo wir alles sehen wiirden, alles wahrnehmen wiirden, was in dem Licht oder in dem Tone oder in der Warme lebt, wiirden wir hinter dem, was uns zum Bewufitsein kommt, die schopferische Imagination wahrnehmen und in dieser sich wieder offenbarend die Inspiration, und in dieser die Intuition. Es ist dasjenige, was uns zum BewuBtsein kommt als Licht- und Tonempfindung, gleichsam die oberste Schicht, gleichsam nur der Schaum dessen, was an uns heranschwingt, aber es lebt darin, was, wenn es uns zum BewuBtsein kame, zur Imagination, Inspira- tion, Intuition in uns werden konnte.
Also eigentlich haben wir nur ein Viertel von dem, was an uns heransturmt, wirklich in der Wahrnehmung gegeben, die anderen drei Viertel dringen in uns ein, ohne daB es uns zum BewuBtsein kommt. Wahrend wir also dastehen und eine Farbenempfindung haben, dringen, gleichsam durch die Flache der Farbenempfindung, die schopferische Imagination, die Inspiration, die Intuition in uns ein, versenken sich in uns. Wenn wir sie naher untersuchen, diese drei letzteren Eindringlinge, so finden wir, daB, wenn diese Imagination, Inspiration, Intuition so, wie sie sich durch die Sinnesempfindung in unseren Organismus hereindrangen wollen, wirklich in diesen her- einkamen, sie so wirken wiirden, daB sie auch noch wahrend der Zeit unseres physischen Erdendaseins zwischen Geburt und Tod eine solche Vergeistigung in uns hervorrufen wiirden, wie ich sie gestern
angedeutet habe als ein mogliches Ergebnis der Verfuhrung Luzifers. Es wiirden diese Imagination, Inspiration, Intuition so auf uns wir- ken, daB wir den Drang bekamen, alles, alles liegen zu lassen, was noch an Anlagen fur unser Streben nach fernen Zukiinften, zum Menschenideal, in uns vorhanden ist, und wir wiirden uns vergeisti- gen wollen mit all dem, wie wir sind. Wir wiirden geistige Wesen- heiten werden wollen auf dem Vollkommenheitsgrade, den wir bis dahin erlangt haben durch unser Vorleben. Wir wiirden uns gewisser- maBen sagen: Mensch zu werden, das ist uns eine zu groBe Anstren- gung, da miifiten wir noch einen schwierigen Weg in die Zukunft gehen. Wir lassen das, was noch an Moglichkeiten zum Menschen hin in uns Jiegt. Wir werden lieber ein Engel mit all den Unvoll- kommenheiten, die wir an uns tragen, denn da kommen wir in die geistige Welt unmittelbar hinauf, da vergeistigen wir unser Wesen. Wir werden dann allerdings unvollkommener, als wir nach unseren Anlagen werden konnten im Kosmos, aber wir werden eben geistige, engelartige Wesen.
Da ersehen Sie wiederum an einem Beispiel, wie wichtig das ist, was man nennt: die Schwelle der geistigen Welt, und wie wichtig die Wesenheit ist, die man den Hiiter der Schwelle nennt. Denn da steht er schon an dem Punkt, von dem ich eben jetzt gesprochen habe. Er laBt in unser BewuBtsein nur die Empfindung selber herein und laBt nicht dasjenige hereinkommen, was als Imagination, als Inspiration, als Intuition, wenn es in unser BewuBtsein eintreten wiirde, einen unmittelbaren Drang nach Vergeistigung, so wie wir sind, mit Ver- zicht auf alles folgende Menschheitsleben in uns erzeugen wiirde. Das mufi uns verhiillt werden, davor wird die Tiire unseres BewuBtseins zugeschlossen, aber in unsere Wesenheit dringt es ein. Und indem es in unsere Wesenheit eindringt, ohne daB wir es mit dem Lichte unseres BewuBtseins durchleuchten konnen, indem wir es hinuntersteigen las- sen miissen in die finsteren Untergriinde unseres UnterbewuBtseins, kommen die geistigen Wesenheiten, deren Gegner Luzifer ist, von der anderen Seite in unser Wesen herein, und es entsteht jetzt in uns der Kampf zwischen Luzifer, der seine Imagination, Inspiration, Intuition hereinsendet, und denjenigen geistigen Wesenheiten, deren Gegner
Luzifer ist. Diesen Kampf wiirden wir immer schauen bei jeder Emp- findung, bei jeder Wahrnehmung, wenn nicht fur das aufiere Wahr- nehmen die Schwelle der geistigen Welt gesetzt ware, der gegenuber sich nur der hellseherische Blick nicht verschlieBt.
Daraus ersehen Sie, was sich eigentlich alles abspielt in dem Inneren der Menschennatur. Das Ergebnis dieses Kampfes, der sich da ab- spielt, ist das, was ich als eine Art von Leichnam, von partiellem Leichnam in uns charakterisiert habe. Dieser Leichnam ist der Aus- druck fur das, was in uns ganz materiell werden muB, wie ein rnine- ralischer EinschluB, damit wir nicht in die Lage kommen, es zu ver- geistigen. Wiirde sich dieser Leichnam durch den Kampf von Luzifer und seinen Gegnern nicht ausbilden, so wiirden wir statt dieses Leichnams das Ergebnis der Imagination, Inspiration und Intuition in uns haben, und wir wiirden unmittelbar in die geistige Welt auf- steigen. Dieser Leichnam bildet das Schwergewicht, durch das uns die guten geistigen Wesenheiten, deren Gegner Luzifer ist, in der phy- sischen Welt zunachst erhalten, so erhalten, daB wir darin gleichsam verhiillt haben, was als Drang in uns entstehen miiBte nach Vergeisti- gung, damit wir anstreben nach dieser Verhiillung das wirkliche Ideal der menschlichen Natur, all die Entfaltung der Anlagen, die in uns sein konnen. Dadurch, dafi also dieser EinschluB, gleichsam dieses Leichnamphantom sich in uns bildet, daB wir, indem wir wahrnehmen, uns immer sozusagen durchdringen mit etwas, was zu gleicher Zeit Leichnam ist, dadurch ertoten wir in uns wahrend des Wahrnehmens dieses immer aufsteigende Drangen nach Vergeistigung. Und wahrend sich dieser EinschluB bildet, entsteht das, was ich ofter angedeutet habe und was wichtig ist, daB man es einsieht in seiner ganzen Be- deutung.
Sehen Sie, wenn Sie in einen Spiegel hineinschauen, so haben Sie eine Glasscheibe vor sich, aber durch diese Scheibe wiirden Sie hindurchschauen, wenn sie nicht mit einem Spiegelbelage belegt ware. Dadurch, daB die Glasscheibe einen Spiegelbelag hat, spiegelt sich, was vor dem Spiegel ist. Wenn Sie vor Ihrem physischen Korper so stehen wiirden, dafi Sie erleben wiirden, wie aufier den Wahrnehmun- gen auch die Imaginationen, Inspirationen, Intuitionen hineingehen,
dann wiirden Sie durch den physischen Leib hindurchschauen, und Sie wiirden ein solches Gefiihl erleben, daB Sie sich etwa sagen wiir- den: Ich will mit diesem physischen Leibe nichts zu tun haben, ich beachte ihn gar nicht, sondern ich erhebe mich, so wie ich bin, in die geistige Welt. Wirklich, es stiinde der physische Leib vor Ihnen wie der Glasspiegel, der keinen Belag hat. Aber nun ist der physische Leib durchdrungen mit diesem Leichnam. Das ist wie der Belag des Spiegels. Und jetzt spiegelt sich alles das, was darauf fallt, aber eben nur so, wie wir es in den Sinneswahrnehmungen haben. Dadurch entstehen die Sinneswahrnehmungen. Unser standiger Leichnam, den wir in uns tragen, der ist der Spiegelbelag unseres ganzen Leibes, und wir sehen uns dadurch selber in der physischen Welt. Dadurch sind wir als dieses einzelne physische Wesen in der physischen Welt da. So kompliziert schaut sich das menschliche Wesen an.
Nehmen wir den anderen Fall, daB wir nicht bloB wahrnehmen, sondern daB wir denken. Wenn wir denken, dann sind es ja nicht Sinneswahrnehmungen. Die Sinneswahrnehmungen konnen die Ver- anlassung dazu sein, aber das eigentliche Denken verlauft nicht in Sinneswahrnehmungen, sondern verlauft innerlicher. Wenn wir den- ken, machen wir mit dem wirklichen Denken keine Eindrucke auf unseren physischen Leib, wohl aber auf unserenAtherleib. Aber indem wir denken, kommt wiederum nicht alles das, was in den Gedanken liegt, in uns herein. Wiirde alles das, was in den Gedanken liegt, in uns hereinkommen, dann wiirden wir jedesmal, wenn wir denken, zunachst lauter lebende Elementarwesen in uns pulsieren fiihlen, wir wiirden uns ganz innerlich belebt fuhlen. In Miinchen habe ich einmal gesagt: Wenn jemand die Gedanken erlebte, wie sie sind, so wiirde er sich in den Gedanken in einem solchen Gewirre fuhlen wie in einem Ameisenhaufen, alles wiirde Leben sein. Dieses Leben nehmen wir nicht wahr in dem menschlichen Denken, weil wiederum nur gleich- sam der Schaum davon uns zum BewuBtsein kommt und eben die Schattenbilder der Gedanken bildet, die da als unser Denken in uns auftauchen. Dagegen senkt sich in unseren Atherleib ein dasjenige, was als lebendige Krafte die Gedanken durchzieht. Wir nehmen die lebendigen Elementarwesen, die uns da durchschwirren, nicht wahr,
sondern wir nehmen in den Gedanken gleichsam nur einen Extrakt wahr, etwas wie eine Abschattierung. Das andere aber, das Leben, zieht in uns ein, und indem es in uns einzieht, durchdringt es uns wiederum so, da8 neuerdings in unserem Atherleib ein Kampf entsteht, jetzt ein Kampf zwischen den fortschrittlichen Geistern und Ahriman, den ahrimanischen Wesenheiten. Und der Ausdruck dieses Kampfes ist, daB sich in uns die Gedanken nicht so abspielen, wie sie sich abspielen wiirden, wenn sie lebendige Wesen waren. Wiirden sie sich so ab- spielen, wie sie wirklich sind, so wiirden wir uns in dem Leben der Gedankenwesen fuhlen : die wiirden sich hin und her bewegen - aber das nehmen wir nicht wahr. Dafur wird unser atherischer Leib, der sonst ganz durchsichtig ware, gleichsam undurchsichtig gemacht; ich mochte sagen, er wird so, wie etwa Rauchtopas ist, der durchzogen wird von dunklen Schichten, wahrend der Quarz ganz durchsichtig und rein ist. So wird unser atherischer Leib von geistiger Dunkelheit durchzogen. Das, was da unseren atherischen Leib durchzieht, das ist unser Gedachtnisschatz.
Der Gedachtnisschatz entsteht dadurch, daB wiederum in unserem atherischen Leib, durch die erwahnten Vorgange, sich die Gedanken gleichsam spiegeln, aber jetzt in der Zeit sich spiegeln, bis zu dem Punkte hin, bis zu dem wir uns eben erinnern im physischen Leben. Das sind die gespiegelten Gedanken, die wir im Gedachtnis haben, die aus der Zeit heraus gespiegelten Gedanken. Aber da tief unten in unserem Atherleib, hinter dem Gedachtnis, da arbeiten die guten gottlich-geistigen Wesenheiten, deren Gegner Ahriman ist, und da schaffen sie, zimmern sie diejenigen Krafte, die wiederum das beleben konnen, was im physischen Leib durch die vorher geschilderten Vor- gange abgestorben ist. Wahrend also in unserem physischen Leib ein Leichnam geschaffen wird, der geschaffen werden muB, weil wir sonst den Drang hatten, uns zu vergeistigen mit all den Mangeln, die wir an uns tragen, geht etwas wie eine anfachende Lebenskraft vom Atherleib aus. So daB wirklich nun in der Zukunft wiederum lebendig umgeschaffen werden kann, was da abgetotet worden ist.
Aber jetzt sehen wir erst ein, welche Bedeutung das Vorher und das Nachher hat. Wiirden wir namlich in unserer unmittelbarenGegen-
wart die Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen, die in uns ein- dringen, ausleben, so wiirden wit Luzifer folgen und uns vergeistigen. Dadurch aber, daB sie in die Zukunft geworfen werden, daB sie jetzt nicht zur Geltung kommen, sondern auf bewahrt werden als Keime fur die Zukunft, dadurch gewinnen sie wieder ihre richtige Wesenheit. Was wir gegenwartig miBbrauchen wiirden, werden